Wiegeschrittmoment

Der kleine, ältere Mann mit Stetsonkappe trägt eine Lederjacke, deren grobkantiger Reißverschluss unter der Spannung der kugeligen Bauchrundung wenig vertrauenserweckend wirkt. Zwischen fleischigen, dicht von dunklen Wimpern umrahmten Lidern, blitzt wässrig etwas Augenschwarz hervor. Sein Brustkorb ist atembewegungsfrei. Die Hände umklammern die Griffe eines Rollstuhls. In ihm eine kleine, knöcherne Frau. Der moderne, graue Flanellmantel mit einfachem Bindegürtel ist ein Kontrast zur beigen Wollimitathose, die über und über mit kleinen Flusenknötchen bedeckt ist. Trotz der gekauerten Körperhaltung wirkt die Frau elegant. Ihre Füße sind auf die Stützen gestellt, die Knie x-dicht zusammen. (Und doch sehe ich zwei lässig übereinander geschlagene Beine, als ich zu ihr herüber blicke.) Sie trägt Tanzschuhe mit Lackriemchen. Die Arme ruhen angewinkelt auf den Lehnen, wobei die Ellenbogen leicht überstehen. Die einzig angewetzten Stellen des Mantels. Ihr Haar ist topfschnittlang und von natürlichem Erdgrau. Am Übergang zum Hinterkopf steht ein Haarsträhnensträußchen empor, das sanft mit jeder Rollbewegung wippt. Der Mann schiebt die Frau ins Eiscafé hinein. Der Rollstuhl hat Rechtsdrall.
RUMMS.
Unsanft wird das Gefährt von der Wand abgebremst. Ich fasse mir reflexartig an den Ellenbogen. Die Frau nicht. Der Mann dreht sich zur Seite und blickt auf die leeren Sitzbänke. Ohne die Frau anzusehen, greift er wieder nach den Rollstuhlgriffen, zieht sie leicht zu sich, hebelt Sitz und Räder leicht nach links. Keinen halben Meter geht es gut.
RUMMS.
Wieder die Wand. Erstaunt lasse ich meinen Löffel ins Eis sinken. Die Frau greift sich reflexartig an den Ellenbogen. Der Mann dreht sich weg zu den leeren Sitzbänken. Er wiegt sich kaum wahrnehmbar in den Hüften. Hände an die Griffe. Leicht nach links. Voller Schub voraus.
RUMMS.
Ich springe auf.
Greife reflexartig nach ihrem Ellenbogen. Der Mann dreht sich weg zu den Sitzbänken.
Sie blickt mich an. Mustert mich von oben bis unten. Meine Wanderschuhe sind schlammig, das bemerke ich erst jetzt.
„Dort!“
Sie zeigt auf einen Tisch am Ende des schlauchigen Eiscafés.
Der Mann greift bestimmend eindeutig nach den Rollstuhlgriffen.
„Ach, doch lieber hier.“ sagt sie.
Er schwenkt zum nächsten Tisch.
Stellt die Rollstuhlräder nicht fest. An ihrer Art, unfallfrei auf die Sitzbank zu wechseln, erkenne ich, dass das immer so ist. Sie zieht den Mantel glatt. Der Mann nimmt die Stetsonkappe ab. Zum ersten Mal schaut er der Frau ins Gesicht. Ich gehe zurück zum Löffel im Eis.
Minuten später bringt eine blass-rosige Studentin eine große Eisschokolade mit zwei Strohhalmen. Der Mann und die Frau setzen gleichzeitig an. Ihre Wangen müssten sich beim Trinken nicht berühren, tun es aber. Alle Augen geschlossen. Zug um Zug um Zug, bis der hohe Becher leer ist. Das Schnorcheln der Halme am Glasboden genießen beide sichtlich. Hand neben Hand, unterm Tisch.

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