Waschstraßendebakel

Der Mensch, in diesem Fall ich, ist oftmals gedankenverloren. Oder, schöner ausgedrückt: im Fluss. Intuitiv im Fluss.
Bei Tätigkeiten, die sozusagen im Autopilot durchführbar sind, ist das kein Problem. Würde ich über bestimmte Bewegungsabläufe nachdenken, wäre ich außer Stande, sie durchzuführen. Radfahren zum Beispiel.
Ein Grund mehr, schlafende Hunde nicht zu wecken. Es gibt Dinge, die sollten einem nicht gesagt werden, selbst mit der besten Absicht nicht.

Tatort Waschstraße. Samstagnachmittags.
Ich halte beim Waschstraßenmann.
„Einmal nur waschen.“
„Fünf Euro, bitte. Lenkradsperre raus, nicht Bremsen und Automatik auf N.“
(Ich denke: Weiß ich doch, Himmel! Fahr ja nicht zum ersten Mal hier durch)
„He, junge Frau! Nicht bremsen!“
„Was?“
„NICHT BREMSEN! AUTOMATIK AUF N!“
„Aber ich hab doch…“
„N!“

Ich sehe „N“, aber aus unerfindlichen Gründen schalte ich auf „R“ und lasse den Fuß auf der Bremse.

„N! Himmel, das kann doch nicht so schwer sein!“
Ich nehme den Fuß von der Bremse und schalte paralysiert auf „P“, wissend, dass das falsch ist, aber ich kann nichts dagegen tun. Es schaltet, was immer Es ist.
Der Waschmann ist jetzt ganz rot im Gesicht, hinter mir ist ein Stau.
„N! Herrgott, N wie Nordpol, Norddeich, Nieren oder Nasen!“

Während meine Hand den Automatikschalter sorgsam auf „N“ schiebt, stellt sich mein Fuß wieder auf die Bremse. Was immer gerade in mir im intuitiven Fluss ist, es ist diesmal kein guter Fluss. Der Waschmann schnappt nach Luft, ehe er brüllen kann, reiße ich den Fuß von der Bremse, die Hände in die Höhe, kneife die Augen zusammen und flehe „Allesgutallesgutallesgutallesgut!“.
Mit einem sanften Schub bewegt sich das Auto in die Waschstraße hinein. Ich bin wie versteinert und höre durch dumpfes Wasserprasseln hinter mir schlimmste norddeutsche Flüche.

Ich kann nie wieder in diese Waschstraße fahren. Bitte, da wird niemand etwas anderes behaupten können. Ich bin gebrandmarkt, ich bin Waschstraßenlegastheniker, Automatik-Analphabet, alles zusammen und gemischt und auch noch in der schlimmsten aller Erscheinungsformen: Frau und blond.
Ich sehe schon das künftige Plakat an allen Waschstraßen Hamburgs, mit meinem Konterfei darauf: „Ich muss leider draußen bleiben.“
Und deshalb muss ich jetzt auf mein Sofa. Muss ferngehalten werden von der Welt und ihren simplen, aber undurchführbaren Anforderungen.
N wie Nordpol. Oder B wie Bremse. Schmach hat viele Buchstaben.

Eine Antwort auf „Waschstraßendebakel“

  1. Es ist nicht deine Schmach.
    Es liegt überhaupt nicht an dir.
    Du bist nur einem begegnet, einem von diesen vielen kleinen Warlords im Großen Servivewüstenreich.

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