Was bleibt.

Nach einem schweren Schlaganfall war meine Oma halbseitig gelähmt und konnte nicht mehr sprechen. Die Ärzte hatten nach dem CT gesagt, sie könne nicht überleben. Auch nicht mehr aus dem Koma erwachen. Sie überlebte. Sie erwachte. Als Vollpflegefall. Es stand außer Frage für meine Mutter, dass sie bei uns betreut würde. Also wurde das gesamte Familien- und Arbeitsleben umorganisiert und Oma zog ein. Mit Krankenbett, Bettstuhl, Krankenhausnachtschrank und einem sehr schiefen, sehr glücklichen Lächeln. Wann immer es ging, verlegten wir Hausarbeiten wie Bügeln oder Wäsche sortieren/zusammenlegen (oder ich meine Schulhausaufgaben) in das Zimmer meiner Oma, damit sie Gesellschaft hatte. Ich erinnere mich oft an jenen Nachmittag, wo meine Mutter bügelte und ich daneben einen Berg von Praxis-Handtüchern zusammenlegte (aus Mutterns Kosmetikinstitut). Trotz der Unfähigkeit, sich artikulieren zu können, konnten wir uns mit meiner Oma verständigen. Es war ein heiterer Nachmittag. Viel mädchenhaftes Kichern. Viele erzählte Geschichten. Plötzlich bedeutete meine Oma mir, sie wolle auch etwas tun. Mit dem beweglichen Arm fuchtelte sie durch die Luft.

„Oma, du kannst keine Handtücher zusammenlegen! Das ist viel zu schwer!“
Energisch schüttelte sie den Kopf. Also ging ich ans Bett, setze meine Oma an die Bettkante und klemmte sie so gut es ging mit Lagerungskissen und hochgeklapptem Kopfteil fest, damit sie etwas Halt hatte und nicht umfiel. Ich zog die Platte des Nachtschranks heraus, schob sie vor meine Oma, legte ihr ein Handtuch darauf. Meine Oma nahm mit ihrem gesunden Arm die gelähmte Hand, legte sie zum Fixieren auf die Handtuchkante. Dann strich sie sehr sorgfältig und mit einer unvermuteten Energie die Knitterfalten aus dem Frottee. Sie faltete das Handtuch Stück für Stück in die von Muttern gewünschte Form. ( „Handtücher müssen exakt so gefaltet und gestapelt werden, Kind!“ Ihr Erscheinungsbild im offenen Regal unterlag immer einer strengen, mütterlichem Blickkontrolle.)

Es dauerte Minuten, bis meine Oma ein Handtuch fertig hatte. Ich legte ihr weitere Handtücher griffbereit hin. Sie strahlte. Die gedankliche Last, anderen eine Last zu sein ohne etwas zurückgeben zu können, fiel für eine kostbare Zeitspanne von ihr ab.

Einige Wochen später beendete ein zweiter, schwerer Schlag Omas Leben. Ich war 16.

Noch heute (29 Jahre später) falte und staple ich die Handtücher so, wie im Kosmetikinstitut meiner Mutter und später in meinem. Und bei jedem Glattstreichen des Frottees sehe ich meine schiefe Oma, mit ihrem schiefen Lächeln und den glücklichen Augen. Weder sie noch meine Mutter waren zu Lebzeiten jemals in Hamburg. Wenn sie wüssten, dass sie nun hier bei mir in der Anwendungstechnik im Regal wohnen, sie kicherten gewiss. Immer noch mädchenhaft.

2 Antworten auf „Was bleibt.“

  1. Wie kann man nur so unschöne Dinge so herzergreifend schön machen? Ich bin berührt. Oma konnte fühlen. Das wussten alle und haben zum Glück so gehandelt.

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