Unvergessen

Frau W. betrat mein Geschäft nicht, sie enterte es. Sie brachte eine Energie mit, die vom ersten Moment an elektrisierend war. Maniküre. Am besten sofort. „Die Hände sind das Wichtigste, Frau Strang!“ Wenn das nicht ginge, dann gerne tags drauf.
Das Haar silbergrau und raspelkurz. Vor einiger Zeit noch therapiebedingt.
„Inzwischen so gewollt!“
Eisblaue Augen, warmbeige Haut. Als wir uns bei Ihrem Termin gegenüber saßen, beobachtete sie mit wachem Blick jede meiner Bewegungen. Wir lachten viel. Über den Krebs sprach sie offen. Dabei das Funkeln einer selbstbewussten Siegerin in den Augen. „Das war eine harte Zeit, aber ich habe es geschafft.“
Frau W. kam fortan alle 14 Tage. Maniküre, Kosmetik. „Meine Schönzeit!“ sagte sie oft genießerisch. Zwei frohe Jahre. Sternzeichen Wirbelsturm.
Doch die Unterleibsschmerzen kehrten zurück. Die Therapien. Das Augenfunkeln blieb. Wir lachten. Nur manchmal war es sehr still. Dann war Platz für ihre Angst. Und die Sorgen. Für das, was man niemandem sagt. Den Liebsten nicht, um sie nicht zu belasten. Wenn sie hier war, hatte sie durchhalteparolenfrei.

Es vergingen mehrere Wochen. Frau W. kam nicht. Erst fiel es mir in meiner eigenen Geschäftigkeit gar nicht auf. Dann klingelte das Telefon. Ihr Mann. Ob ich ins Krankenhaus kommen könne. Für seine Frau eine Maniküre machen. „Ihre Nägel … die Hände sind doch so wichtig!“ Tags drauf war ich bei ihr.
Sie war dünn. Ein Skelett. Erzählte mir, wohin sich der Tumor schon überall hingeschlängelt hatte. Dass morgen eine neue Chemo diskutiert würde. Und wenn diese dann griffe, dann…! Ja, dann. Unsere Worte waren Worte über das Wetter und das Klinikabendbrot. Wie es sein würde, wenn sie wieder gesund ist. Wieder zu mir kommen kann.
Es war zu jeder Sekunde klar, dass wir uns nicht wiedersehen würden. Ich sah es in ihren Augen und sie sah in meinen, dass ich es wusste. Keine Angst. Keine Tränen. Wir lachten nicht. Ich feilte die Nägel so behutsam, als könne ich die knochigen Hände zerbrechen. Massierte sorgfältig ihr Lieblingsnagelöl ein. „Die Hände sind so wichtig!“ Langsam strich sie sich über den Handrücken. Kein Funkeln in den Augen. „Ich komme in 14 Tagen wieder.“ sagte ich. Sie lächelte: „Meine Schönzeit! Ich danke Ihnen.“ Ich gab ihr die Hand. Einen Druck länger als all die Male zuvor.

Unsere Zeit war um.

4 Antworten auf „Unvergessen“

    1. Ich sag es mal mit Peter Horton: „Wenn eine Zeile Sie beglückend anspringt, gebührt die Bewunderung Ihnen selbst. Der Verfasser kann nur wecken, was lebendig ist.“ Ich danke DIR, Kay.

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