Über mich

Alles, was ich will, ist schreiben.  Auf WORTSTRANG veröffentliche ich regelmäßig Texte. Lyrik, Prosa – gespeist aus den Momenten meines Lebens. Einen kleinen Einblick dazu, gibt es hier:

Ein Kind des Rheinlands. Kosmetikerin. Natürlich leidenschaftlich. Wenn ich nicht gerade schreibe, dann rede ich. Oder ich stecke mitten in einem Schlamassel. In Hamburg habe ich gelernt: Irgendwas ist ja immer.
Besonders bei einem Leben zwischen Kalamitäten und Kosmetik.

Über sehr viele Jahre löste die Frage „Frau Strang, was machen Sie beruflich?“ eine Entgleisung meines vegetativen Nervensystems aus. Anspannung, kalter Schweiß auf der Oberlippe, der Pulsschlag eines Kolibris auf Ecstasy. Ich sehe jetzt die Frage in allen Gesichtern: Warum nur?
Das ist schnell erklärt.
Die Frage, was ich beruflich mache, lässt nur die eine Antwort zu: Ich bin Kosmetikerin.
Ja, ich weiß. Niemand wird deshalb empört an dieser Stelle aufhören zu lesen. Aber seien wir ehrlich: Kosmetikerin? Sind das nicht die, die den ganzen Tag Gesichter schminken? Mit den zu roten Fingernägeln? Dem zu blonden Haar? Dem fatalen Sonnenbank-Abo? Zu grell? Zu simpel? Wo den verwendeten Cremes unterstellt wird, sie seien gehaltvoller, als das eigene Geistesleben?

Kosmetikerinnen haben nicht unbedingt das beste Image.

Meine Mutter war Kosmetikerin. Mit Leib und Seele. Herz und Verstand. Keine, die dem oben beschriebenen Klischee entsprach. (Wie der Großteil meiner Kolleginnen nicht diesem Klischee entspricht.) Dennoch wollte sie nicht, dass ich Kosmetikerin werde. Und natürlich wollte ich nicht werden, was meine Mutter schon war. Außerdem: Das Kind hat doch Abitur! Ja!
Nach eben diesem Abitur wollte ich erst einmal weg. Weit weg. Nach Indien. Ein fremdes Land entdecken. Und mich selbst. Ich packte meine sieben Sachen, kam aber nur bis Koblenz. Also, das Koblenz in Rheinland-Pfalz – nicht Koblenz in Indien!

Dort absolvierte ich ein soziales Jahr in einem Krankenhaus. Internistische Station. Leiber waschen, im Laufschritt Medikamente verteilen, Windeln wechseln, Tote wegräumen und entflohene Demenzkranke aus den Untiefen anderer Stationen fischen. Diese Arbeit war oft herausfordernd. Sie hat mich trotzdem (oder gerade deshalb?) tief erfüllt. Es war der Moment in meinem Leben, in dem ich erkannt habe, dass ich ein „Menschen-Mensch“ bin. Dass ich mit und an und für Menschen arbeiten möchte. Es liegt auf der Hand, dass ich danach unbedingt Krankenschwester werden wollte. Meine Mutter war einer Ohnmacht nah: Kind! Du hast doch Abitur!
Richtig. Da war ja was.
Als gut ausgebildete Tochter folgte ich dem mütterlichen Rat und begab mich nach dem sozialen Jahr nicht in eine Ausbildung, sondern an die Universität. Deutsch, das hatte ich schon in der Schule gemocht. Also Studiengang Germanistik. Und Philosophie im Nebenfach. Auf Magister. Eine sehr zukunftsweisende Kombination. Sehr lebendig. Vier Semester habe ich durchgehalten. Eines Morgens, als ich wieder einmal verloren und ein wenig desorientiert in diesem großen, ehrwürdigen Universitätsgebäude meinen Hörsaal suchte, lief ich ungebremst und zur Freude der umstehenden Kommilitonen gegen eine Glastür am Ende des Korridors. Das war der Moment in meinem Leben, in dem ich erkannte, dass ich auf dem akademischen Weg nicht im Fluss bin.

Ich kehrte unverrichteter Dinge wieder heim. In Mutterns Arme. Muttern, die immer noch einer Ohnmacht nahe war: Kind! Du bist nun 23 und hast immer noch keinen Beruf! In meiner Verzweiflung und weil ich wirklich, wirklich keine Ahnung hatte, was ich eigentlich machen sollte, tat ich (wieder einmal) das Naheliegende: Ich beschloss auf die Kosmetikschule zu gehen. Die Berufsfachschule dauerte ein Jahr. Dann hätte ich so einen Wisch zum Vorweisen. Wie Loriots Jodeldiplom – wer‘s kennt: „Dann hat man was Eigenes.“ Mir würde zwischenzeitlich sicher ein Licht aufgehen, wozu ich wirklich berufen wäre.
So zog ich im Mai 1994 los, um Kosmetikerin zu werden. Ich merkte sehr schnell, dass mir das alles viel Spaß machte. Dass ich Freude empfand bei dem, was ich tat. Dass dieser Beruf facettenreich ist und breit angelegt. Schminken? Ein kleiner Teil. Aber Hautwissen! Hautbehandlung! Entdecken, was man in diesem großartigen Organ alles bewegen kann! Im Mai 1995 absolvierte ich die Prüfung vor der Handwerkskammer. Bestand. Bekam mein Jodeldiplom mit der Aufschrift „geprüfte Kosmetikerin“.

Seit diesem Tag sind viele Gesichter durch meine Hände gegangen. Ich habe in viele Poren geblickt. Viele Augenbrauen korrigiert. Viele Rötungen gemildert. Pickel eliminiert. Falten geglättet. Vor allem aber bin ich vielen Menschen und ihren Lebensgeschichten begegnet. Die Intimität einer Kosmetikbehandlung, (man verbringt immerhin ein bis zwei Stunden alleine und über Körperkontakt verbunden mit einem Menschen in einem Raum) lädt dazu ein, sich zu öffnen. Zu erzählen.
Als ich 2010 mein Geschäft schloss, um nach Hamburg zu ziehen, brach eine meiner Kundinnen in Tränen aus und sagte: „Frau Strang! Das können Sie nicht tun! Niemand weiß so viel über mich wie Sie!“ Das war der Moment in meinem Leben, in dem ich erkannte, dass Kosmetikerin sein viel mehr ist, als Kosmetikerin sein.
Mit Gott habe ich nicht wirklich viel am Hut. Trotzdem trifft ein Zitat des Musikers Peter Horten den Punkt: „Hadern Sie nicht mit Ihrem Beruf. Überall ist Dienst am Menschen möglich, und Dienst am Menschen ist der einzige Gottesdienst, der letztlich zählt.“