Taximoment, again.

Am Bahnhof Altona steht genau ein Taxi. Das Schild auf seinem Dach leuchtet einladend. Ich bin müde und –hurra- gleich daheim. Das Taxi ist leer. Kein Mensch, der der Fahrer sein könnte, weit und breit. Auch Taxifahrer müssen mal. Bestimmt ist er gleich da. Ich warte. Fünf Minuten fühlen sich nach einer Zugfahrt mit zwanzig Minuten Verspätung am Sonntag um 22:44 Uhr einfach zu lang an. Ich greife zum Handy, will die Nummer der Taxizentrale wählen.
„Fahren Sie mit mir!“
Ein anderes Taxi ist gerade angekommen. Der Fahrer hat die Scheibe herunter gedreht. Offensichtlich kennt er die Abwesenheitsgewohnheiten seines Kollegen. Ich steige ein, nenne die Adresse.
„Eimsbüttel, ja?“
„Ja.“
Der Mann hat schwarzgraue Locken und einen flachen Bart, der wie samtiges Moos bis auf die Halsmitte fließt. Der Kragen des Poloshirts wellt sich, wie alle Poloshirtkragen dieser Welt, an einer Spitze nach außen, an der anderen nach innen. Seine Augenbrauen hat er von Martin Walser übernommen, die Statur von eher von Danny de Vito. Insgesamt macht er einen freundlichen Eindruck, allerdings verwandeln seine Mimik und Stimme den Innenraum des Wagens in ein Gebiet jenseits jedes Lachens. Sein Blick ist der eines Scharfschützen. Ich richte mich innerlich auf eine stille Fahrt ein.

„Stört es Sie, wenn ich meinen Apfel weiter esse?“
„Natürlich nicht. Bitte essen Sie.“
„Ich hatte heute noch kein Fleisch. Deshalb der Apfel.“
Selbst im Dunkeln muss er im Rückspiegel das Fragezeichen auf meinem Gesicht sehen.
„Ich habe Eisenmangel. Aber jetzt ist keine Zeit für Fleisch. Deshalb der Apfel.“
„Apfel enthält Eisen?“
„Ja. Ich muss jeden Tag mindestens zwei bis drei Äpfel essen. Oder Fleisch.“
„Apfel oder Fleisch ….das ist…bemerkenswert.“
„Brokkoli hat auch viel Eisen. Und Spinat.“
„War’s aber bei Spinat nicht bloß ein Gerücht?“
Meine Lippen formen unbedacht ein schwaches Lächeln, das durch die Niedrigtemperatur der Antwort sofort wieder einfriert.
„Nein. Aber wenn man zu viel Spinat isst, bekommt man Nierensteine.“
„Oh.“
„Ja. Aber… andererseits müssen Sie sehr viel Spinat essen, um Nierensteine zu bekommen. So viel Spinat isst man nicht. Essen Sie Kichererbsen?“
„Ja. Bekommt man da auch Nierensteine?“
„Nein. Aber Sie müssen die dunkelbraunen Kichererbsen essen. Ich bin aus Pakistan. Dort essen wir die dunklen Kichererbsen. Die dunklen schützen vor Krebs. Man muss wissen, was man isst.“
„Da haben Sie recht.“
„Kennen Sie Flohsamen?“
„Nicht …persönlich.“
Mein Scherz stürzt ins Leere.
„Die sind auch dunkel. Als Frau müssen Sie die kennen.“
„Ist das nicht …eine Art Abführmittel?“
„Auch. Aber das Dunkle hilft gegen Krebs.“
„Also sind dunkle Lebensmittel gut? Schokolade ist ja auch dunkel.“
Mein Tonfall – zu heiter. Sein Konter entsprechend ernst.
„Schokolade ist Gift.“
„Das ist ein hartes Urteil!“
Er hält den Apfelrest hoch.
„Hier…das ist das Beste….alles mitessen. Die Menschen werfen es weg. Aber in den Kernen steckt das Beste. Die sind auch dunkel.“
Noch einmal nehme ich Anlauf, ihm ein Lächeln abzuringen.
„Ich dachte als Kind immer, wenn ich Apfelkerne verschlucke, wächst in mir ein Baum.“
„Die Menschen wissen zu wenig über ihre Nahrung! Ihre Eltern hätten Ihnen sagen müssen, dass das nicht stimmt! Und wenn es nicht Bio ist, nützt es auch nicht. Es wundert mich, dass Sie Flohsamen nicht kennen.“
Ich weiß nichts zu sagen. Eine Entschuldigung liegt mir auf der Zunge.
Kurze Zeit umfängt uns Schweigen. Das Taxi biegt in meine Straße.
„Denken Sie an mich, wenn Sie krank werden. Essen Sie dunkel und Bio.“
Ich nicke.
„Das werde ich tun. Da vorne…ja, da hinter dem T5 können Sie anhalten.“
Er schreibt die Quittung und reicht sie mit dem Wechselgeld zu mir nach hinten. Dabei dreht er sich um und nimmt mich prüfend in Augenschein.
Reflexartig verspreche ich:
„Braune Kichererbsen, Flohsamen und Äpfel mit Kernen. Ab morgen.“
Seine Mundwinkel ziehen sich winzig nach oben. Doch er schüttelt den Kopf.
„Ich fahre erst weg, wenn Sie im Haus sind, ja?“
„Oh, Dankeschön, aber …das müssen Sie …nicht.“
„Nicht jedes Dunkel ist gut.“
Während die Innenraumlampe erlischt, wird ein behütend-weiches Lächeln erkennbar.

Ich steige aus, betrete das Haus. Die Tür hinter mir fällt ins Schloss. Den Wagen höre ich erst wegfahren, nachdem ich auf den Lichtschalter gedrückt habe.

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