Taxifahrt mit Putin

„Zum Flughafen, bitte.“
„Mistwetter, was?“
„In der Tat.“
„Aber über den Wolken wird es besser sein.“
„Ja, da ist es meistens besser.“
„Man sollte immer fliegen!“
„Naja ……“
Mein Taxifahrer sieht aus wie Putin. Mit einem rostroten Flaumbart. Er trägt eine auberginefarbene Blouson-Jacke mit Strickbündchen. Ich habe so etwas in den Schaufenstern der Mönckebergstraße gesehen. Scheint wieder modern zu sein. Grässlich. An der Ampel tippen seine Finger nervös auf dem Lenkrad.
Das Handy klingelt. Er wartet eine Weile, bevor er den Anruf entgegen nimmt. Dann dröhnt hektisch und laut eine männliche Stimme durch das Taxi. Es könnte mazedonisch sein. Ich bilde mir ein, die Sprachmelodie zu kennen.
Ich klappe den Laptop auf und will eine Mailantwort fertig tippen. Der mazedonische Schlagabtausch hält an. Wahrscheinlich sprechen sie nur über das Wetter. Über den Wolken. Der hektische Klang täuscht. Mein Blick vertieft sich ins Outlook.
„Hallo? Hallo…Sie haben doch gerade nichts zu tun hinten!“
Mein Taxifahrer klopft mir sacht mit der Hand aufs Knie. Überrascht hebe ich den Kopf. Dass er sein Gespräch beendet hat, habe ich gar nicht mitbekommen.
„Bitte?“
„Hier …“
Er reicht mir das Handy. „Können Sie bitte eine SMS tippen? An diese Nummer.“
Er reicht einen Zettel mit vielen Namen und Nummern an mich. „Die oberste. Bitte, ich kann nicht tippen beim Fahren.“
„Ja, natürlich, kein Problem. Was soll ich denn schreiben?“
„Einfach nur: Jetzt nicht verfügbar. Ruf Kim an.“
„Ok. Die oberste Nummer, ja?“
„Ja.“
Ich gebe die Nummer ein. Dabei streift mein Blick den Namen der Nummernbesitzerin.
„Ist das etwa DIE …“
„Ja! Kennen Sie sie?“
„Wer kennt sie nicht.“
„Zählt zu meinen Stammgästen. Aber ich bin ausgebucht. Gleich drei weitere Fahrten.“
„Sie wissen, ich könnte jetzt auch völligen Unsinn tippen. HEIRATE MICH. Oder …KOKAIN IST ALLE.“
Die Miene des Taxifahrers verfinstert sich. Rheinischer und mazedonischer Humor sind offensichtlich nicht aus einem Guss.
„Das war ein Scherz! Verzeihung.“ Artig tippe ich die befohlenen Wörter und drücke auf Senden.
„Hier, Ihr Handy.“
Er nimmt es und blickt auf das Display.
„Haben Sie das etwa abgeschickt?“
„Ja….sollte ich nicht?“
„Nur tippen! Ich hab nicht abschicken gesagt!“
„Ich….“
„Ist nicht zu fassen! Ich habe nicht abschicken gesagt!“
„Also, erlauben Sie mal, ich ….“
„Ich hab nicht abschicken gesagt!“
Haut und Flaum haben einen nahezu identischen Rostrotton erreicht. Mir wird mulmig.
Gleich hält er an, bindet mir einen Betonklotz ans Bein und versenkt mich in einem Fleet.
„Hören Sie, ich ….“
„Hahahaha…das war ein Scherz! Da haben Sie aber einen Schreck bekommen, was? Sie haben gedacht, dieser Drecksserbe, was erlaubt der sich, stimmt’s?“
Ich schwanke zwischen Wut und Lachen.
„Ich hatte wirklich Angst vor Ihnen. Einen Moment lang.“
„Ehrlich? Quatsch.“
„Nix Quatsch.“
„Ehrlich? Ja, Deutsche haben einen seltsamen Humor.“
Rostrotes Grinsen. Meine Wut ist weg.
Den Rest der Fahrt haben wir viel gelächelt. Still.

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