Taxi. Vom Flughafen. Mal wieder.

Der Taxifahrer steigt aus. Ein bulliger, pockennarbiger Mann, braungebrannt; das Hemd den einen Knopf zu weit offen. Weißblondes Haar, zerwühlt, als habe sich der Wind eines ganzen Monats darin ausgetobt. Die Miene düster. Er blickt mich nicht an, als er den Koffer entgegen nimmt. Mürrisch gibt er dem Hintermann zu verstehen, dass er zu dicht aufgefahren ist – obwohl es zum Koffereinladen völlig reicht. Ich steige ein, sage artig meine Adresse.

„Ah. Eimsbüttel.“ Es klingt ein wenig verächtlich. Wenn er könnte, würde er jetzt eine gläserne Chauffeurswand zwischen ihm und mir hochfahren.

Wir fahren los. Im Radio beginnt das Intro zu AC/DCs Thunderstruck. Ich schweige und blicke aus dem Fenster. Vollbremsung und das lautstarke Fluchen in einer mir restlos unbekannten Sprache erfolgen nahezu gleichzeitig. Ich bin nicht angeschnallt und bereue das.
„Idiot!!! Nur Idiotän auf der Straße! Ich könntä diesä Autoo täglich 100 Mal zu Schrott fahrän!“
Ein Scherz liegt mir auf der Zunge; ich schweige. Sortiere mein Kleid.

„Nur Idiotän! Gucken Sie! Fahrradfahrer ohne Licht, schwarz gekleidet! Die Stadt ist voll von diesä Idiotän! Die ganzä Stadt! Und irgendwelchä Grünä wollen noch mehr Fahrradwegä. Die keinär benutzt, weil alle Fahren auf die Straßä. Ich bin auch Fahrrad gefahrän! Fünf Jahrä, jeden Tag. Immär auf Fahrradweg! Warum? In die Autos sitzän nur Idiotän! Betrunkenä! Drogenabhängigä! Krankä! Werden ohnmächtig…kriegä Herzinfarkt und fahrä mich übär die Haufe! Könnä nix sehe…fahre ohne Brillä. Ohne Füherärschein. Nur Idiotän in die Autos! Nur Idiotän fahre auf die Straßä! Wie die Idiot eben! Ich bin nie auf die Straßä gefahrän! Nie! Zu viele Idiotän!“
Er ist inzwischen so aufgeregt, dass AC/DC wie eine geführte Meditation wirkt. Seine Stimme ist hart. Die Worte scharf. Jedes einzelne spuckt er aus, wie eine unbekömmliche Rasierklinge. Ich bin etwas unschlüssig, wie ich mich einbringen könnte. Versuche es mit: „Hm, ja.“

Anschnallen wollte ich mich.

Das Taxi bremst. Unerwartet, aber sanft. Im Lichtkegel der Scheinwerfer sieht man eine ältere Dame über einen Zebrastreifen gehen. An der Leine ein kleiner, schwarzer Hund. Er sieht aus wie eine Mitternachts-Fluse. Tuffig. Lockig. Ein Flauschebausch. Sein leichter, tänzelnder Gang kaschiert den unsicher wirkenden Blick. Es dauert etwas, bis die beiden die Straße gequert haben.
„Habän Sie gesehän? Kleine Hund? Kleine Huuund?“
Alle Rasierklingen sind weg. Selbst im Dunklen erkenne ich im Rückspiegel seine Lachfältchen um die Augen. Der ganze Körper wirkt plötzlich weich und entspannt.
„Jaaa. Lass dir Zeit, kleinä Huuund. Kleinä Huuund.“ Ich kann sein liebevolles Lächeln sehen, als sein Kopf sich immer weiter nach rechts dreht, Hund und Frauchen hinterher blickend. Im Taxi ist es plötzlich fünf Grad wärmer. „So eine kleinä, liebä, fluschigä Huuund!“ Er guckt. Wir stehen. „Huuund.“

Dann hupt es höllisch hinter uns. Die Temperatur fällt abrupt: „IDIOT! NUR IDIOTÄN!“ Dann presst es mich in die Rückbank.

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