Sechsuhrzug

Kein Schmerz.

Eher ein kurzer, dumpfer Druck. Ich träume.
In meinem Traum hat jemand bei mir angeklopft, und vermutlich hätte ich mich nicht einmal darüber gewundert, dass jemand an meinem Kopf anklopft, wäre da nicht dieses deutlich hörbare „Oh Verzeihung!“ plötzlich und leicht schreckgeschwängert, direkt auf meine Nase gesprochen worden.
Ich öffne die Augen.
Mein Sitznachbar hat sich schon wieder aufgerichtet. Unsere Köpfe waren beim Wegnicken leicht zusammengestoßen. Verlegenheit und Belustigung vibrieren einen Moment lang zwischen uns. Dann verkriecht sich der Herr eifrig hinter der Süddeutschen.
Auf der anderen Gangseite, eine Reihe vor uns, sitzt ein Geschäftsmann Marke Durchschnittsbänker. Der Anzug blau, das Hemd maschinengebügelt, die Haut rotweinrosig. Ich bin entzückt darüber, dass der schneeweiße Philipskopfhörer einige der streng zur Seite gegelten Haare auf die andere Seite nach oben drückt.
Wenn der Kopfhörer weg ist, wird ein Gelhaarstriezel senkrecht empor stehen. Und nichts wird ihn wieder an den Platz zurück bringen, der beim morgendlichen Frisurtuning angedacht war.
Direkt hinter dem Striezelbänker sitzt ein nicht minder bemerkenswertes Exemplar Haartracht. Advokat vielleicht.
Eher Arzt. Künstlerarzt. Weiße, haarlose Hände. Ein strenges, konzentriertes Gesicht. Aber fast schulterlanges, gleichmäßig dichtes und dunkles, gewelltes Haar.
Man muss hinsehen. Auch, weil so viele Haare auf dem Kopf und so wenige an Hand und Arm sind.

Der Arztadvokat verzieht plötzlich das Gesicht. Der Mund öffnet sich, der Unterkiefer zieht stark nach unten rechts. Einmal. Zweimal. Dreimal. Verspanntes Kiefergelenk. Die vermutlich unbewusste Grimasse wirkt sich ungünstig auf das Gesamtbild aus.
Er sortiert die Seiten seiner Zeitung. Die Blätter berühren den Gelhaarstriezel des Vordermanns.
Kurzes Zucken. Der Striezel wippt, der Advokatarzt verzieht seinen Unterkiefer nach links. Einmal. Zweimal. Dreimal.
Ob der das im OP auch immer macht?
Oder im Gericht? „Einspruch, euer ….einmalzweimaldreimal……Ehren!“
Mein Sitznachbar schläft schon wieder. Sein Kopf kippt zur Seite. 06:35. Ich bestelle eine Cola und bin vergnügt.

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