Rückfahrtmoment

„Das ist meiner!“
Ich zeige auf den Fensterplatz. Vierersitze mit Tisch sind die Hölle. Aber etwas anderes war kurz vor der Abfahrt nicht mehr zu bekommen. Ein leicht schwitziger Geschäftsmann im blauen, tagesknittrigen Hemd blickt von seinem Laptop auf. Das Unglück ist ihm kurz anzusehen. Dann hellt sich seine Miene auf und er räumt geflissentlich Mousepad und Mouse von meiner Tischseite, und Aktentasche sowie Mantel von meinem Sitzplatz. Er steht auf und lässt mich in mein winziges Refugium. Für die nächsten dreieinhalb Stunden. Ich versuche meine Beine schnellstmöglich weg zu sortieren. Die rehgleiche, junge Frau mir gegenüber ebenfalls. Sie trägt einen Flanellrock mit cremefarbener Bluse. Darüber eine schwarze Kaschmirstrickjacke. Perlenohrringe und eine Perlenkette. Winzige Perlen, zweimal um den schwanenschlanken Hals gewickelt. Vor ihr aufgeklappt ein ThinkPad. Der Platz daneben noch ohne Person, dafür mit Laptoptasche, Bäckerpapiertüte, Handtasche, Kurzschurwollmantel und Miniregenschirm. Ihre Wimpern kennen keinen Mascara. Sie hat den geflochtenen Zopf am Hinterkopf hochgesteckt. Eine breite Haarsträhne ist halb hinter das Ohr geklemmt, halb hängt sie in die Stirn. Die Oberlippe hat mehr Volumen als die untere. Eine Miniaturausgabe von Julia Roberts‘ Mund. Jenseits des Durchgangs sitzt ein vollkommen schwarz gekleideter Mann. Künstler- oder Werberschwarz. Hornbrille. Unordentlich nach hinten gegeltes Haar. Er hat ein Muttermal auf dem Ohrläppchen. Im ersten Moment hielt ich es für einen Ohrring. Aber wer hat schon einen platten, braunen Ohrring?
Während ich mich auf meinem Platz einrichte, guckt er herüber. Ich sehe es im Fensterglas. Sobald ich den Kopf in seine Richtung drehe, guckt er konzentriert auf seinen Laptopbildschirm. Ihm schräg gegenüber ein schnarchender Mann im Norwegerpulli. Tippgeräusche überall. An meinem Tisch wild durcheinander. Der schwarz gekleidete Mann aber tippt im selten anzutreffenden Ein-Finger-System, wobei der Zeigefinger seiner rechten Hand sekundenlang über der Tastatur kreist, wie der Schnabel eines unschlüssigen Huhns. Dann pickt er. Ein E oder K oder L oder M. Ich habe den ganzen Tag noch nichts gegessen und ziehe meine Tupperbox aus der Tasche. Der schwitzige Geschäftsmann arbeitet an einer textlastigen Power Point Präsentation, die mich schon beim Danebensitzen langweilt. Das Perlenreh nimmt einen Schluck Kirschdurstlöscher. Der kindliche Trinkkarton wirkt eigenartig fehl am Platz in ihren Händen. Jeder Schluck unhörbar zart. Ich weiß nicht, wie man es schafft so einen Karton zu leeren, ohne zum Schluss schreckliche Schlurzgeräusche zu machen. Sie kann es. Ich könnte es nicht. Aber an ihr sehen die Perlen auch so aus, als seien sie von Geburt an im Ohr gewesen. An mir wirken Perlen wie auf ein Dromedar gezwungene Seide.
Im Fenster sehe ich wieder den Blick des Schnabelfingermannes. Ich wende den Kopf zu ihm. Zu meiner Überraschung hält er den Blick und sagt:
„Im Fernsehen sehen Sie ganz andres aus.“
Meine Überraschung verweilt und hebt meine Augenbrauen.
„Und sehe ich das richtig…ich wollte es ja erst nicht glauben…aber Sie essen da einfach Kartoffeln, ja?“
Ich gucke auf die Kartoffel in meiner Hand. „Ja. Einfach Kartoffeln.“
„Kalt? Mit Schale? Ist da nix dran?“
„Raumtemperatur. Also nicht kalt. Nix dran, nein.“
Der schwitzige Geschäftsmann lässt die Augen zu meiner Tupperbox schweifen: „Echt? Kalte Kartoffeln?“
„Raumtemperatur!“
„Ich hatte mich auch schon gewundert, aber wollte nicht fragen.“, bringt sich das Perlenreh ein.
„Ich mag Kartoffeln. Pur. Also Kartoffelgeschmack. Einfach so.“ versuche ich zu erklären.
Schnabelfinger schüttelt den Kopf: „Najaaaa, und natürlich immer die Linie im Sinn. Das haben ja alle Schauspielerinnen.“
„Ich …“
„Sie sind Schauspielerin?“ fragt der Geschäftsmann. Das Perlenreh schweigt und äugt.
„Ich ….“
„Er hat recht. Ich kenn Sie auch aus dieser Serie…warten Sie.“
„Kartoffeln sind aber nichts für die Linie.“ wirft das Perlenreh nun doch ein.
Ich beiße in eine Kartoffel und überlege, wer ich sein könnte.
„Ach, ich komm nicht drauf!“
„Nicht Serie. Sie ist im Theater!“ sagt Schnabelfinger und pickt auf das R.
Ich bin irritiert. Zutiefst.
„Münster?“ fragt das Perlenreh.
„Nein. Nein keine Serie und auch nicht Münster.“ sage ich mit halber Kartoffel im Mund.
„Ich hätte schwören können Serie.“ murmelt der Geschäftsmann.
Immer mehr Köpfe drehen sich. Nur der Norwegerpulli schnarcht.
„Wirklich. Sie verwechseln mich. Ich bin nicht bekannt.“
„Aber dann sind Sie zumindest jemandem ähnlich.“
„Mag sein.“
Niemand sagt mehr ein Wort. Die Köpfe drehen sich weg. Die letzte raumtemperierte Kartoffel wartet.
„Sie haben ein bemerkenswertes Muttermal am Ohr.“ werfe ich noch rasch dem Schnabelfinger zu.
Er greift danach, steht halb auf und streckt es mir in der flach geöffneten Hand entgegen.
„Ein Ohrring. Nur ein Ohrring, platt und braun.“

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