Metrobus 4

„Und geben Sie mir Pommes dazu. Aber nicht so viele. Das letzte Mal waren es zu viele Pommes!“

Die Frau ist dünn. Das große Smartphone wirkt wie ein Klotz in den schmalen Händen. Die knochigen Unterarme sind zu schmal für das Armband der Uhr, es umschließt das Handgelenk allzu locker.
„Zehn Minuten. Ich brauch noch circa zehn Minuten. Wir sind jetzt Apostelkirche. Ich will die Pommes nicht kalt, verstehen Sie?“

Der halbe Bus ist gezwungen zuzuhören. Sie spricht so laut und aufgeregt, dass die blonden Haarsträhnen, die ihr ins Gesicht fallen, bei jedem Wort seitlich weggepustet werden. Ohne das Smartphone abzusetzen, spricht sie in einer anderen Sprache weiter. Es klingt dänisch. Die laute, scheppernde Stimme wird plötzlich flauschig. Sie zieht ein Knie empor und umklammert es. Ihr Sitznachbar schüttelt den Kopf. Er hält eine Flasche Rotwein in der Hand und sieht aus wie ein Künstler, der wie ein Künstler aussehen möchte. Schwarzes Beinkleid, grauer Second-Hand-Stoffmantel in körpernahem Schnitt, eindeutig 70er Jahre. Gut erhalten. Ein Knopf wurde nachträglich angenäht. Er ist kleiner und hat einen speckigen Glanz. Der schwarze Tuchschal verströmt den Geruch von Pfeifentabak und wirkt kratzig. Die Lippen sind extraschmal, der Blick ernst hinter den Gläsern einer großen, schwarzen Brille. Stetson Schirmmütze graumeliert. Das Etikett des Rotweins hält er peinlich genau verdeckt. Der Wein ist entweder unsäglich billig oder überedel. Die Schuhe sprechen für billig.

Die fedrige Blondine hat inzwischen beide Knie vor der Brust und telefoniert wieder mit der Pommesconnection.
„Haben Sie auch Ketchup mit einer rauchigen Note? Wie heißt das denn? Wenn es mehr ist als Tomate?“
„Barbecue-Sauce!“ wirft ungefragt einer der stehenden Fahrgäste ein. Einige lachen. Der Sitznachbar schüttelt wieder den Kopf. Die Frau hat es nicht mitbekommen. Sie geht eine Oktave höher. Es ziept hinter meinem Trommelfell.
„Nein, nicht Curry. Rauch! Es soll nach Rauch schmecken. Sowas müssen Sie doch wissen.“
Die Fingerknöchel des Sitznachbarn wechseln farblich von rosa auf weiß. Der Unterkiefer mahlt, während er wieder den Kopf schüttelt. Er drückt den Stopp-Knopf, steht auf. Geht zwei Schritte Richtung Tür. Der Bus bremst scharf, die Weinflasche geht zu Boden. Sie bleibt heil. Der Mann will sie aufheben, der Bus fährt nochmals an, die Flasche rollt weg. Niemand sonst bückt sich.

„Dann eben ganz normalen Ketchup. Okay?“
Die Blondine steht nun auch an der Tür. Der Bus bremst wieder, die Flasche rollt ihr an die Fersen. Der Mann bückt sich. Die Bustür öffnet sich, die dünnen Beine staksen nach draußen. Ehe der Mann zugreifen kann, rollt die Flasche ungebremst hinaus. Klirren an der Bordsteinkante.
Jemand sagt „Oh nein!“.
Der Mann sagt nichts. Er springt der Flasche hinterher ins Dunkel. Ich schließe die Augen. Es wird so nicht folgen, aber mein Gehirn sieht den Mann ins Bodenlose fallen. Meine Ohren erwarten einige Sekunden Stille und dann ein dumpfes Aufprallgeräusch. Stattdessen schließen sich zischend die Bustüren und eine ältere Dame fragt: „Barbecue-Sauce war aber richtig, oder?“

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