Mein Koffer in Berlin (2011) – Teil 1

Fortbildung. Oslo. Es ist November. Am Flughafen in Berlin treffe ich C, Visagist und mir bisher unbekannter Kollege. Ich bin etwas aufgeregt. Oslo! Ja, nur das Wochenende. Ja, außerhalb des Hotels werde ich kaum etwas zu sehen bekommen. Aber: OSLO!
Mein Trolley wird gewogen. 6,8 Kilo.
„Kein Handgepäck mehr.“
Ich nicke. Dabei hatte ich mich so bemüht. Der Koffer verschwindet schonungslos im Gepäckschlund am Ende des Rollbands. Winterkleidung wiegt eben. C stellt seinen Trolley auf das Band. 17,2 Kilo. Fasziniert starre ich auf das Gepäckstück, das keinen Zentimeter größer als meines ist. 17,2 Kilo? Was in aller Welt transportiert er?
Ich frage nichts.
Der Flug verläuft unspektakulär. Der Abendhimmel über den Wolken verleiht Cs dunklem Teint einen rosaroten Ton. Der Pilot informiert uns über den Landeanflug.

„Gottlob ist das Wetter hier schön, C!“
„Bettina, wir sind über den Wolken. Da ist das Wetter immer schön.“
Ich schweige betreten.

Das Flugzeug sinkt tiefer und tiefer. Lichter am Boden werden erkennbar. Regen peitscht gegen die Scheiben.
„Verdammt! Regen!“ Cs Blick hat eine panische Note. „Regen! Ich habe keinen Schirm dabei! Meine Haare!“
Meine Mundwinkel zucken unwillkürlich nach oben. C, obwohl in Berlin lebend, trägt hanseatische Herbstuniform: dunkel und gedeckt. In meinem knallroten Mantel und mit meinem orangen Trolley hatte ich auf dem Flughafen neben ihm wie ein Knallbonbon ausgesehen. Seine feine Haut ist besser gepudert als meine. Auf dem Jochbein funkelt zart ein Hauch Goldstaub.
„Meine Haare werden sofort kraus! Unmöglich!“ Er sieht erklärend zu mir herüber. Ich lächle.
„Das kriegen wir schon hin, C!“
20 Minuten warten wir am Kofferband. Alles kommt. Nur mein Koffer nicht.

„I’m sorry, your baggage is still in Berlin Tegel.“ Die im Lächeln ausgebildete Dame am Schalter für verlorenes Gepäck bleibt ungerührt.  C summt Ich hab noch einen Koffer in Berlin.
Mir ist flau. Alles ist in diesem Koffer! Alles! Ich hatte doch gedacht, er geht als Handgepäck durch. Brille…frische Kontaktlinsen…Schminke…Wäsche…ALLES!
„Ich habe, was du brauchst.“ C klopft mir beruhigend auf die Schulter. Er will zum Schirmshop. „Morgen sind die Sachen ja wieder da.“

Unsere Zimmer liegen nebeneinander. 27.Stock. C klopft an und ruft: „Ich hab was zum Abschminken dabei.“ An der Rezeption hatte ich ein Notfall-Tütchen erhalten: Zahnbürste, Zahnpasta, Wattepads, Wattestäbchen und ein Nähset. Ein Nähset. Es beruhigt mich sehr, ein Nähset bei mir zu wissen.
Ich öffne. C, nunmehr mit mit gekräuseltem Haar, reicht mir eine Handvoll Pröbchen. Reinigungsmilch und diverse Cremes verschiedener Marken.
„Holst du mich zum Frühstück ab?“
Ich nicke.

Der nächste Morgen. Um 07:00 klopfe ich bei C. Er öffnet und verschwindet sofort wieder im Bad. Meine Morgendusche war wohltuend. In die reiseverschwitzten Klamotten vom Vortag zu müssen – unangenehm. Die Kontaktlinsen, über Nacht in den Augen gelassen, sind weiß verschliert. Ein Trockenrasierer beginnt zu surren.
„Komm rein!“
Ich folge dem Ruf. Die komplette Ablagefläche um das Waschbecken ist mit Schminkutensilien bedeckt. Pinsel, Puder, Rouge, Mascara, Eye Shadows, Lippenstifte, Lip Gloss, Highlighter, Concealer – ein wilder Mix teurer Make Up-Produkte. Mehr vermutlich, als ich je überhaupt besessen habe. Farbschlaraffenland. Vermutlich 17,2 Kilo.
„Bedien dich. Ich müsste auch irgendwo eine Foundation in deiner Farbe haben.“

Neugierig schraube ich den YSL-Concealer auf. C legt mir unaufgefordert einen Make Up-Schwamm hin. Während ich etwas unsicher mit den mir fremden Texturen hantiere, verzaubert C sein Gesicht mit wenigen Handgriffen in ein perfekt modelliertes, samtiges Antlitz. Unsere Blicke treffen sich im Spiegel. Ich bin es nicht gewöhnt, dass morgens im Bad jemand neben mir steht, wenn ich mich zurecht mache! Schon gar kein sich schminkender Mann.

„Komm mal her!“ C dreht mich zu sich, greift nach dem Kabuki und verschiedenen Stiften. Seine Pinselführung ist rasch. Die Finger agieren flink, aber konzentriert.
„Du brauchst Schimmer. Wenn schon kein Koffer da ist, dann wenigstens Schimmer!“
Schimmer. C malt endlos an meinen Augenbrauen. Die Lippen – Präzisionsarbeit. Das Rouge hat einen leicht vanilligen Duft. Goldstaub tanzt durch die Luft.
Als C mich wieder zum Spiegel dreht, sehe ich selbst durch die milchigen Kontaklinsen, dass ich ein Filmstar bin. Lasziver Blick in muffiger Knitterbluse. Göttinenwimpern. Meine helle Hose hat einen Fleck unterm Knie. Sieht aus wie Schokolade. Hatte ich schon immer so außergewöhnliche Wangenknochen?
C strahlt. „Perfekt, Madame!“

Wir gehen zurück ins Zimmer, C zieht ein Sakko über und holt etwas aus seinem Koffer. Durch die halboffene Schranktür sehe ich ein champagnerfarbenes Paillettenkleid glitzern.
„Brauchst du noch Brüste?“
Ich blicke erschrocken an mir hinab. Verfehle die zwei weichen Silikongelkugeln, die C mir zuwirft.
„Brü…Brüste?“
C lacht.
„Kriegste eh nicht. Sind meine.“
Eine Sekunde lang war mein Gehirn überzeugt, meine seien noch im Koffer in Berlin.

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