Maggimoment

An der Anzeigentafel. Meine Augen suchen das Abfluggate. Die junge Frau an der Gepäckaufgabe hat es eben noch gesagt. Ich weiß es nicht mehr. Lissabon. Berlin. Kopenhagen. Dublin. Peking. Wo ist nur Hamburg? Ein geschäftiger, junger Mann mit sehr körpernah geschnittenem Anzug hastet an mir vorbei. Das Handy am Ohr: „Was geht bei dir so?“

Ich gehöre einer Generation an, die diese Frage nicht gelernt hat. Dafür kenne ich die Fischer-Chöre. Und flüssiges Maggi. Oha, es geht sogar gleich ein Flug nach Köln/Bonn. Vielleicht sollte ich dort einsteigen. Wer benutzt eigentlich noch flüssiges Maggi? Gibt es das überhaupt noch? Für was könnte man es verwenden? Mir ist Maggi früher ausschließlich in klaren Fleischbrühen begegnet. Links von mir steht jetzt ein stark schwitzender Asiat mit überdimensionierter Hornbrille. Die Fischer-Chöre kennt er vermutlich auch nicht, obwohl er mein Alter haben könnte. Mir fällt ein, dass ich eigentlich mein Gate suche.
„Was halten Sie von Lissabon?“
Die Stimme kommt überraschend. Unsicher, ob ich gemeint bin oder nur dicht bei mir jemand telefoniert, blicke ich hinter mich. Noch bevor ich reagieren kann, spricht der Mann weiter. „Ich gucke auch immer, wohin ich statt des gebuchten Fluges sonst noch fliegen könnte. Lissabon. In einer Stunde, das wäre doch was?“
„Wo müssen Sie denn tatsächlich hin?“
„Berlin.“
„Nicht das schlechteste Ziel.“
„Und Sie?“
„Hamburg.“
„Schietwetter!“
„Aktuell nicht.“
„Ich sehe schon. Lissabon lockt sie nicht.“
„Kennen Sie die Fischer Chöre?“
„Nein. Wäre das ausschlaggebend?“
„Nein.“
Der Asiat geht schnaufend davon. Ich weiß immer noch nicht, welches Gate. Mir ist nicht nach Small-Talk. Ich schweige.
„Beim nächsten Mal vielleicht.“ Die Sonne färbt das Gesicht des Mannes gelb-rosa. „Bis dahin kenne ich dann auch die Fischer-Chöre.“
Ich nicke. Lächle. Lächeln zurück.
Gate A22. Ein kurzer Weg, dann bin ich da. Das Publikum sieht eigenartig anders aus, als die typisch hanseatischen Business-Pendler. Ich setze mich hin. Die Sonne wird allmählich blutrot. Dann blicke ich zur Gate-Anzeige: Lissabon. Boarding in 35 Minuten.

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