Kosmetische Selbsterkenntnisse (1)

Wir schreiben das Jahr 1997. Meine Kollegin Sabine war der Meinung, wir sollten uns wieder einmal dem Thema Fortbildung widmen, und hatte uns bei einem Basisseminar für Visagisten angemeldet.
„Dann klappt es auch endlich mit den perfekten Schattierungen!“

Also fuhren wir wenige Wochen später (des Sonntags in aller Frühe) gen Düsseldorf. Ungeschminkt, wie das zerwühlte Bett uns geschaffen hatte, und in freudiger Erwartung dessen, was der Tag aus unseren Gesichtern heraus modellieren würde.
Zu Sabines Entsetzen mussten wir gleich bei der Ankunft im Seminarraum feststellen, dass wir die einzigen waren, die sich mit so ganz und gar nackter und ungepuderter Haut hierher getraut hatten. Auch wenn ich mich ungeschminkt für durchaus öffentlichkeitstauglich halte – zwischen all den Egypt-Wonder-gebräunten Kolleginnen kam ich mir plötzlich sehr schwindsüchtig vor. Also stürmte ich als erstes den Tisch mit dem Begrüßungskaffee, füllte die Tasse bis zum Rand und brabbelte dabei was von niedrigem Blutdruck vor mich hin. Sabine hatte sich fluchtartig auf die Damentoilette begeben, bei ihrer Rückkehr wirkte sie nicht nur immer noch blass, sondern auch plötzlich gealtert.
„Geh da bloß nicht hin! Weißes Halogenlicht von oben! Senkrecht von oben! Sag mal, hab ich wirklich so hängende Mundwinkel?“
„Im Moment schon“, entgegnete ich, aber für weitere Nettigkeiten reichte es nicht, denn die Leiterin der Schminkschulung erschien.
Strahlend.
Ein Antlitz aus Porzellan. Mit blutrotem Lippenstift.
Ich schenkte mir Kaffee nach. Ein Gin wäre mir lieber gewesen.
Sie stellte sich vor, dann durften wir Teilnehmer kurz etwas über uns sagen, wobei Sabine sich in seltsamen Ausführungen zur Grippewelle, hormonell bedingter Anämie und den Auswirkungen mangelhaften Frühstücks verhedderte. Ich selbst fasste mich kurz: Name, Alter, Wohnort.
Ich ahne, es war genau diese Kürze, gepaart mit meinem allmählich glänzenden Teint, die mich in den Fokus der Lehrvisagistin rückte. Nach einer kurzen, theoretischen Einführung über die „Grundlagen der Gesichtsmodellierung mittels heller und dunkler Pudertöne“ bat sie mich unvermittelt als Schminkmodell nach vorne.

„Sie müssen als erstes den Körpertypus Ihrer Kundin erkennen. Der spiegelt sich schließlich auch im Gesicht wieder. Hier (und dabei machte sie ungehörig ausladende Bewegungen um meinen Oberkörper) kann man zum Beispiel sehr schön den kastenförmigen Schulterbau des athletischen Typus erkennen. Im Gesicht findet dies seine Entsprechung in den ausgeprägten Stirnhöckern.“
Mir wurde flau.
Stirnhöcker …
Sie hatte tatsächlich Stirnhöcker gesagt. Stirnhöcker über einem kastenförmigen Schulterbau. Ich fühlte mich plötzlich seltsam breit und ungünstig knochenlastig.

„Die Kinnkontur hingegen ist weich und abfallend.“ Irritiert blickte ich nach unten. Wohin fallend?
„Pykniker haben keine Konturen. Die Gesichtszüge sind schwammig.“

In dieser Art hatte ich mein Gesicht noch nie wahrgenommen. Ein Schwamm mit Höckern!

Dann begann die Meisterin ihr Werk.
Es wurde getupft, gepinselt, schattiert. Als ich wieder in den Spiegel blicken durfte, war ich enthöckert und konturiert. Einzig die Kastenschultern würden weiterhin verraten, dass es sich in meinem Fall um einen direkten Nachfahren des schrecklichen Hulk handeln muss.
„Wahnsinn! Man sieht echt nichts mehr von der Ausgangssituation!“, so das Feedback der anderen.

Viele Jahre lang trug ich danach einen Pony. Und Sonnenbrille. Lebte im Dunkeln und trug vorzugsweise Rollkragenpullover, die bis halb auf die Wangen hinauf reichten.
Was beweist: auch dekorative Kosmetik kann enorm nachhaltig sein – wenn man sich von Profis schulen lässt.

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