Kosmeteuse Undercover

Nach all den „Bügeleisen“, Gesichtsbürsten und Home-IPL-Blitzern nun also auch ein Mikrodermabrasionsgerät für die Heimanwendung. Bevor ich die Parfümerie-Filiale betrete, setze ich mein schönstes Endverbrauchergesicht auf und will den Mantelkragen konspirativ hochschlagen. Als ich ins Leere greife, fällt mir auf, dass ich gar keinen Mantel anhabe. Gut. Endverbrauchergesicht muss also reichen.
Tatsächlich habe ich erwartet, dass mich so ein neues Gerät gleich beim Betreten des Geschäfts anspringt, aber ich sehe weit und breit nur Tiegel, Töpfchen und Dekorative – und Berge von Bürsten. Elektrische Gesichtsbürsten. Dank Endverbrauchergesicht springt mich zumindest gleich eine Parfümeriefachverkäuferin (PFV) an und fragt, ob sie mir helfen kann.
„Ich habe gelesen, dass Sie ein Mikrodermabrasionsgerät für zu Hause anbieten.“
Kurzes Zucken, ein Fragezeichen huscht über das Gesicht, dann sagt die PFV: „Ja, schauen Sie mal hier.“ Und führt mich zum Gesichtsbürstenberg. „Nein, keine Bürsten, Mikrodermabrasion. Ein Gerät zum Abschleifen der Haut.“ Nach einem zweiten Fragezeichen huscht ein Ausrufezeichen vorbei: „Ah, ja natürlich! Die stehen oben.“
Ich enteile also sogleich in die erste Etage, vorbei an weiteren Bürstenbergen.
Auch im zweiten Stock springt mich kein Mikrodermabrasionsgerät an. Eine PFV auch nicht. Also suche ich und entdecke, recht unscheinbar platziert, einen Testtisch mit dem Home-Mikrodermabrasionsgerät. Infobroschüren daneben. Hier wurde offensichtlich schon reichlich getestet, denn es sieht alles etwas begriffelt aus. Die an sich weißen Schleifaufsätze haben graubraune Spuren. Ich nehme eines der Geräte, drücke den einzig möglichen Knopf und setze es auf meinen Unterarm. Langsam ziehe ich es über die Haut. Das Vakuum ist weit stärker als erwartet. Für meinen Geschmack zu stark. Wer da nicht sorgsam gegen spannt und vielleicht noch gefäßlabil ist – hui. Der Schleifkopf fühlt sich an wie ein sehr fester Hornhautbimsstein. Nach den ersten drei Bahnen habe ich drei rote Streifen am Unterarm.
„Gefällt es Ihnen?“ fragt nun eine PFV und sieht mich strahlend an. „Ist das der normale oder der Sensitiv-Aufsatz?“ will ich wissen. Die PFV nestelt am Gerät herum und sagt „Hm. Gute Frage.“ Dann nimmt sie die Kundenbroschüre und liest.
Ich fühle inzwischen einmal über den anderen Schleifkopf und spüre sofort: ich hatte den normalen. Obwohl ich nichts gefragt habe, liest die PFV nun laut vor: “Mikrodermabrasion ist eine bekannte Salontechnologie, die die Zellerneuerung der Haut anregt. (….)In enger Zusammenarbeit mit Dermatologen wurde die professionelle Salonmikrodermabrasion für den Heimgebrauch angepasst.“
Salonmikrodermabrasion….jetzt heißt es Contenance bewahren, obwohl ich sehr herzlich lachen möchte.
„Wie oft wende ich das denn an?“ frage ich.
„Hmmmmm….“ sagt die PFV und blättert. „Zwei Mal pro Woche!“ liest sie vor. „Dauert ca. fünf Minuten pro Behandlung. Sie gehen in Bahnen über die Haut. Erst zwei bis vier Mal, dann bis zu sechs Mal.“
Ich schließe kurz die Augen. Bis zu sechs Bahnen? Das ganze Gesicht? Bei dem Vakuum? IN FÜNF MINUTEN???
„Nach der Behandlung kann es zu einer leichten Gesichtsrötung kommen…“ liest die PFV weiter vor. Ich erfahre außerdem, dass ich die Schleifköpfe nach sechs Monaten wechseln soll, dass meine Cremes besser einziehen und sich Make Up schöner auftragen lässt. All das wird mir vorgelesen.
In derselben Broschüre wird auch eine elektrische Reinigungsbürste angeboten.
„Brauche ich die dazu?“, frage ich unschuldig.
Die PFV blättert. „Dazu steht hier jetzt so nichts….aber ja..das kann man natürlich kombinieren.“ – „Also erst bürsten und dann peelen?“

„ Ja….also. Ja. Natürlich nicht so oft.“

Ahhhhhja.
Ich höre das Flüstern der gequälten Häute…wie sie um Gnade flehen.
Meine PFV meinte zum Schluss: „Ich geb Ihnen die Broschüre mal mit. Dann können Sie alles nochmal in Ruhe durchlesen.“ Was sie vorgelesen hatte. Ein Traum.

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