Heimlich

Ich sitze nicht gerne erste Reihe. Für mich ist es das Größte, wenn ich irgendwo in den Reihen 4-7 einen Platz ergattere. Möglichst mittig. Nah genug dran. Weit genug weg. Als ich die Theaterkarte kaufte, gab es in einer dieser Reihen noch genau einen freien Platz. Mittig. Meinen!
Dass das Schauspielhaus so schön – also so schön ist – hatte ich nicht erwartet. Ich nehme Platz. Meine Logopädin hätte ihre Freude: Der Unterkiefer ist staunend gelöst. Ich sehe sicher etwas debil aus, denke aber gottlob nicht daran. Rechts von mir eine Klassikhanseatin mit Tochter. Schwarzer Cashmere-Cardigan zu schwarzem Rock, darüber ein Burberrytuch. Natürlich blond. Natürlich ein Pagenkopf. Zarter Goldschmuck. Chanel No.5. Die Tochter kaut Kaugummi – die einzig wahrnehmbare Auflehnung. Ansonsten ist sie eine dunkelblaue Kopie der Frau Mama. Perlchen im Ohr. Das Haar ist blond, lang und zum lockeren Dutt gemengt.
Links ist noch alles frei. Das zweite Klingeln. Jetzt füllt es sich. Ein deutlich angespannt zischelndes Pärchen rückt an. Setzen sich. Doch der Platz direkt neben mir bleibt frei.

„Das hast du schon beim letzten Mal gesagt. Das ist einfach Quatsch!“
„Wie kannst du sagen, dass sei Quatsch?“
„Weil es Quatsch ist!“
„Das ist bodenlos!“
„Es ist unbequem. Aber ich möchte das hier nicht ausdiskutieren.“

Es wird hitzig. Ob es schon zum Stück gehört? Wahrscheinlich zerlegen die sich, bevor noch auf der Bühne der erste Stuhl geflogen ist.
Klingel. Links stehen alle auf. Das Pärchen unterbricht seinen Streit. Ein unglaublich großer, klobiger Mensch schlängelt sich durch die Reihe, den Aufstehenden zugewandt. Mindestens Zweimeterzehn. Drei Türsteher in einem. Als er an dem freien Platz neben mir ankommt, dreht er sich roboterhaft um und setzt sich hin. Er ist riesig. Die Knie drücken sich sofort in die Rücklehne der vorderen Bank, obwohl er kerzengerade sitzt. Hinter ihm erfolgt augenblicklich ein Seufzen. Dann ein „Shit!“. Er trägt eine schwarze, körpernahe Kunstlederjacke. Die Ärmel sind etwas zu kurz, seine weißen Handgelenke liegen frei. So eine Uhr habe ich zuletzt in den Achtzigern gesehen. Er wird schwitzen in der Jacke. Unglaublich schwitzen. Ein paar leise Wortfetzen dringen zu mir herüber.

„Weil es Quatsch ist!“
„Mit dir kann man nicht vernünftig reden!“

Ich nehme ein Kräuterbonbon aus meiner Tasche und stecke es in den Mund. Der Riese ist vollkommen regungslos. Sein Haar ist vielleicht 4mm lang. Aschblond. Er hat einen sehr kantigen Höcker auf der Nase, der oben flach ist. Darauf könnte man mühelos ein Ein-Cent-Stück ablegen. Die Augenbraue rechts ist am Rand durchtrennt von einer Narbe. Fast alle Menschen haben Narben an der Augenbraue oder am Kinn. Oft Dreiradunfälle. Die Narbe allerdings sieht fulminanter aus. Ich lege den Kopf in den Nacken, um die opulente Theaterdecke und den Kronleuchter zu betrachten. Der Hüne riecht nach Seife und Kunstleder.
Und dann rutscht plötzlich das Bonbon ab. Rutscht schnell und ohne Vorwarnung an der Zunge hinab Richtung Schlund. Mein Körper krampft sofort zusammen. Bonbontod im Theater. Nicht der Schlechteste, aber nach der Vorstellung wäre mir lieber gewesen. Das Bonbon hängt schon halb in der Lunge. Ich vernehme eine Art ausspeienden Röchellaut von mir selbst und fahre ruckartig aus dem Theatersessel empor. Würge. Gerade spüre ich, wie das Bonbon wieder nach oben kommt, da landet wuchtig und schwer eine Hand auf meinem Rücken. Der Riese ist aufgestanden und will erste Hilfe leisten. Der überraschende Schlag befördert das Bonbon schnurstracks aus meinem Mund, auf den Schalkragen der Dame, die vor mir sitzt. Ein zweiter Schlag folgt. Dass ich vom Bonbon befreit bin, hat mein Helfer gar nicht bemerkt. Von hinten ruft jemand „Heimlich-Griff!“.
Ich drehe mich wie von der Tarantel gestochen zum Riesen um, die Hände beschwichtigend gehoben: „Danke! Danke!“ Fast bin ich etwas panisch. Keinen Heimlich-Griff! Gott bewahre! Das ist alles schon peinlich genug. Und kein Bonbon mehr intus. Er sagt nichts. Wirkt wieder wie ein Roboter.
In der Reihe hinter uns ist man aufgeregt. „Alles ok?“
„Ja, Danke. Vielen Dank.“
Im Theaterlicht ist meine Schamesröte nicht zu sehen. Der Riese sitzt schon wieder, den Blick auf die Bühne gerichtet. Während ich mich setze, schaue ich ihn an und sage: „Nochmals vielen Dank. Das war sehr hilfreich.“ Er nickt blicklos.
Das Stück beginnt.
Es ist großartig.
So viel zu lachen.
Der Hüne rührt sich kein einziges Mal. Kein einziges Mal!

Schlussapplaus. Frenetisch. Berauscht, glücklich, nahezu ein wenig erschöpft, klatsche und klatsche und klatsche ich. Den Händen meines Sitznachbarn ist keine Begeisterung anzumerken. Die Wucht seiner Rettungsschläge spiegelt sich jedenfalls nicht im Applaudieren wider. Das Licht geht an. Die Bühne wird dunkel. Alle stehen auf. Er dreht sich kurz zu mir und sagt: „Sie sind Linkshänder. Man sieht es beim Klatschen.“
„Aber nein, ich schreibe mit rechts.“
„Das mag sein. Aber Sie sind Linkshänder.“
Dann wendet er mir den Rücken zu und folgt den anderen aus der Reihe.

Seine Stimme ist nicht die eines Freaks. Ich stehe. Unschlüssig. Da fällt mir das Bonbon wieder ein: Es klebt noch immer am Schal jener Frau.

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