Funktionelle Dysphonie

„Gehen Sie ruhig schon rein. Besetzt ist die Anmeldung aber erst um halb!“ Der große Mann mit den dunklen Halblocken schiebt sich an mir vorbei und schließt die Tür zur Praxis auf. Ich nicke artig, trete ein und stehe etwas abgestellt herum, derweil der Halblockenmann längst durch eine der gefühlt 13 Türen verschwunden ist. Offensichtlich einer der Ärzte.
Der war aber nett. So eine sonore, freundliche Stimme. An wen erinnert er mich bloß? Irgendein Schauspieler. Also, der war wirklich sehr nett. Wo Ärzte doch, besonders in Fluren vor Praxen oder in Krankenhauskorridoren, Patienten eher meiden. Sehr, sehr meiden. In eine Art Pestfluchtmechanismus verfallen. Der nicht. Der hat mich sogar angeguckt. Direkt in die Augen. Wirklich, sehr nett. Ja. Hm.
Eine junge Frau im weißen Kasack öffnet Tür 12,88b und flötet: „Setzen Sie sich noch ins Wartezimmer!“ – „Wo ist das Wartezimmer?“ – „Waren Sie noch nicht hier?“ – „Nein.“ – „Ah. Da vorne rechts.“ – „Ich will auch nur einen Termin ausmachen.“ – „Ja. Ja, ja. Nehmen Sie kurz Platz.“
Eine viertel Stunde später bin ich samt Termin wieder auf der Straße. Zu welchem der Herren Doktoren ich denn möchte, hat sie gefragt. Ich konnte ja nicht „Zum Halblockenarzt“ sagen. Also habe ich nichts gesagt. Übermorgen um 08:00 also.

Am Morgen des Übermorgen bin ich pünktlich. Im Wartezimmer, von dem gefühlt 13 Türen ausgehen, sitzen bereits 178 Patienten. Manchmal öffnet sich plötzlich eine der Türen, spuckt einen Patienten aus und saugt den nächsten mittels Namensaufruf ein. Nach 45 Minuten tönt es aus der Tür direkt neben mir: „Strang, bitte!“
Ich trete ein. Der Halblockenarzt blickt mir konzentriert in die Augen, reicht mir die Hand und entschuldigt sich für die Wartezeit. Dann lächelt er. O Gott, guckt der nett! Er erinnert mich an diesen Schauspieler! Auch ohne autogenes Training ist mein Sonnengeflecht plötzlich ganz warm. Jetzt möchte ich gehen. Möchte so etwas sagen wie „O, ich hab mich verwählt.“ Und rauslaufen. Stattdessen stelle ich meine Tasche ab und setze mich. „Was führt sie her?“
Kurz und ein wenig atemloser als es notwendig wäre, schildere ich meine Kehlkopfprobleme seit der letzten Heiserkeit. Dass es nach viel Sprechen schmerzt. Also eher drückt. Also eigentlich gar nicht mehr so schlimm ist. Also im Grunde ist da gar nichts mehr. Letztlich müsse er gar nicht nachgucken. Ich könne auch gehen. Ja. Wirklich. Der Halblockenarzt lacht. Zwinkert. ZWINKERT! Reißt ein Stück Papier ab, rollt mit seinem Hocker auf mich zu und sagt: „Strecken Sie mal die Zunge raus. Und nicht erschrecken. Ich halte die fest. Und dann schiebe ich diesen Metallstab in den Rachen. Aber keine Sorge, ganz waagerecht. Kein Würgreflex. Und dann sagen Sie bitte Hiiiii, wenn ich es sage.“
Nein. Auf gar keinen Fall. Das geht nicht.

(Ein zwangloses Abendessen mit Freunden blitzt in meinem Kopf auf. Lachen. Rotwein und Paella. „Und, wie habt ihr euch kennengelernt?“ – „Ich habe ihr Papier um die Zunge gewickelt und sie hat Hiiii gesagt.“)

UNMÖGLICH. Ich möchte aufspringen. Stattdessen strecke ich die Zunge raus. Papier wickelt sich um sie, obwohl der Metallstab nichts berührt, spüre ich ihn. Das Hiiiii klingt wie alles, aber nicht wie Hiiii. „Nochmal.“ – „Hghhhhhh.“ – „Nochmal.“ – „Hhhhhgggggggggöööööö.“ – „Gut. Keine Sängerknötchen oder ähnliches.“
Ich singe ja auch nicht. Will ich sagen. Schweige aber. „Ich schicke Sie zum Logopäden. Sprechen lernen. Lernen, wie man die Stimme schont. Wie man richtig atmet.“

Sonnengeflecht sehr warm. Er sieht aus wie…wie….

„Dann gucke ich noch kurz in die Ohren und in die Nase.“

( „Und dann hat er mir in die Ohren geguckt. Und in die Nase. Und nach dem Anblick all der friedlichen Flimmerhärchen war es um ihn geschehen.“)

NEIN! Nicht in die Nase.
Ich habe gar nichts an der Nase. Auch nicht an den Ohren. Bitte! Sie müssen mir glauben! Der Halblockenarzt dreht meinen Stuhl herum und leuchtet mir ins Ohr. Er wirbelt mich herum und guckt ins andere. Dann dreht er mich zurück nach vorne. Es gibt kein Entrinnen. „Sehr schön! Wir brauchen noch einen Hörtest. Setzen Sie sich kurz ins Wartezimmer. Die Mädels holen sie dann. Danach komm ich noch einmal nach vorne und guck drauf.“
Das Zimmer spuckt mich aus und saugt den nächsten ein. Eine Weißkasackfee holt mich ab. „Wenn Sie etwas hören, drücken Sie den Knopf!“
Der Test geht schnell und schon stehe ich wieder in dem kleinen Vorraum der Testkabine. „Der Doktor ist gleich da.“ Ja. Puh. Wer ahnt denn sowas. Echt jetzt. Hier hat‘s doch bestimmt acht Ärzte! Oder fünf. Drei auf jeden Fall. Und ausgerechnet er. Der. O Mann! Ich krame nach meinem Taschenspiegel. Lege den Kopf etwas in den Nacken und gucke in meine Nase. Wenig Licht hier. Ich versuche mich so unter der Deckenlampe zu platzieren, dass es mir in die Nase leuchtet. Schwierig.
„Fehlt was?“ Der Halblockenarzt steht wie aus dem Nichts vor mir. Lacht. Zwinkert. ZWINKERT! Erschrocken klappe ich den Spiegel zu, Schamesröte explodiert in meiner Haut. Es pulsiert in den Schläfen. Ich starre in sein fröhliches Gesicht, sehe die Bewegung seiner Lippen. Er spricht, aber in meinen Ohren höre ich nur das Rauschen des Blutes. Gleich werde ich ohnmächtig. Ich möchte mich setzen. Noch besser auflösen. Spontan verpuffen. Er streckt mir ein Blatt Papier entgegen; ich sehe noch immer seine Lippen in Bewegung.
Ein Ruck und mühsam presse ich „Bitte, was haben Sie gesagt?“ hervor. Er lacht schallend. Holt Luft und sagt sehr laut und sehr artikuliert: „Sie hören wie ein Luchs! Bilderbuchergebnis beim Hörtest!“ Und lacht weiter. Und lächelt. LÄCHELT! Direkt in die Augen.

Ja. Danke. Ich habe. Ich bin. Normalerweise bin ich. Also. Das ist nur. Weil.

„Die Verordnung liegt vorne bei den Mädels. Viel Spaß beim Sprechen lernen.“ Er reicht mir die Hand. Dann ist er weg.
Ich gehe. Im Hausflur, auf der Treppe, kommen mir zwei Frauen entgegen: „Das ist ein netter Doktor. Du wirst sehen! Und außerdem sieht er aus wie dieser Schauspieler..dieser…ach, wie hieß er doch?“
Ich sage: „Steve McQueen!“

THE END

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