Er bleibt

„Herr K. ist heute früh eingetroffen. Sechste Chemo. Er bleibt.“

Er bleibt.

In meiner ersten Zeit als „Diakonisse“ auf Station 9 hatte ich diesem Zweiwortsatz von Schwester Irma keine besondere Bedeutung beigemessen. Erst nach und nach begriff ich, dass „Er bleibt“ nichts anderes hieß als „Er stirbt“. Nach 25 Jahren als Krankenschwester war Irmas Einschätzung in allen Fällen, die ich mit ihr erlebte, treffend.
Herr K. war ein schlanker, sportlicher Mann. 44 Jahre alt, dunkles, volles Haar. Und, was ich besonders mochte, obwohl es damals gar nicht en vogue war, er hatte einen Schnurrbart wie Fernsehdetektiv Magnum. Seine Augen waren grün mit Bernsteinsprenkeln. Die Ohrläppchen nicht angewachsen und von einem weichen, silbrigen Flaum bedeckt. Er hatte eine leicht süddeutsche Sprachmelodie, kam aber gebürtig aus Simmern. Welchen Krebs er hatte, das wusste ich nicht.
Höflich war er. Meist sehr wohlgelaunt. Mit Schwester Evi flirtete er charmant. Wenn sie die Infusion abstöpselte, alberte er: „Wären Sie mir doch begegnet, als ich noch nicht an der Flasche hing, Sie Engel.“ Zotige Anzüglichkeiten, wie ich sie von manchen Patienten kannte, waren ihm fremd. Mir fiel auf, dass er nie Besuch bekam. Ich führte das darauf zurück, dass er nie länger als eine Woche bei uns war.

An dem Tag, als Schwester Irma „Er bleibt.“ sagte, begann ich meine Spätschicht mit Blutdruck-, Puls- und Fiebermessung bei Herrn K.
„Da sind Sie wieder.“
„Ja. Chemowoche.“
„Ja.“
Schweigen. Messen. Schweigen.
„Schöne Werte.“
„Schöner Tag!“
„Ja.“

Er bleibt. Der Satz wirkte wie Klebstoff auf meine Zunge. Kein Geplauder wollte mir gelingen.

Aus einer Woche wurden zwei. Drei. Vier. Fünf. Herr K., ohnehin nie mit einem Gramm zu viel bedacht, verlor rasant an Gewicht. Bei jeder Dienstübergabe der Arbeitsschichten gab es neue Symptome oder Einschränkungen an die Kollegen zu berichten.
„Seit zwei Stunden kann Herr K. nicht mehr aufstehen. Die Metastasierung hat vermutlich zu einer Querschnittslähmung geführt. Muss noch abgeklärt werden. Er ist depressiv. Er ist aggressiv. Stellt euch darauf ein.“ Schwester Irma klappte die Patientenakte zu und sah mich an: „Je weniger Wechsel, desto besser. Evi hat Urlaub. Du übernimmst die Körperpflege bei ihm immer in deiner Schicht.“ Ich nickte.

Als ich die Tür zu seinem Zimmer öffnete, sah ich gerade noch rechtzeitig, wie Herr K. nach der Urinflasche griff, die an der Bettseite hing und sie mit einem lauten Schrei in meine Richtung schleuderte. Reflexartig zog ich die Tür zu. Die Flasche knallte gegen das Buchenholz. Mit klopfendem Herzen stand ich, dicht an die Tür gepresst, im Flur. Ein Urinbach kroch unter dem Türspalt hervor und rann an meinen Schuhen vorbei. Das Zimmer erfüllt von zornigen Schimpfworten. Wo nahm dieser dünne, klappernde Körper nur diese Gorillastimme her?

„Ich komme jetzt rein, Herr K.“

Herr K. warf jeden Tag etwas nach mir oder den Schwestern, die sein Zimmer betraten. Den Nachtschrank hatten wir weitestgehend von Wurfmaterial befreit. Die Bettflasche war längst einem Katheter gewichen. Ein Apfel traf mich einmal dumpf auf dem Brustbein. Sonst hatte mich nie etwas wirklich erwischt. Herr K. wirkte erst erschrocken, dann triumphierend.
„Verlogenes Pack!“ schrie er. Ich legte den Apfel zurück auf den Tisch.
„Ich messe jetzt den Blutdruck.“
„Schneiden Sie mir lieber die Kehle durch.“
„Erst messe ich den Blutdruck.“
Er sah mich an. Das erste Mal seit Wochen. Ein kurzes Zittern in den Mundwinkeln. Das sich anbahnende Lächeln wurde von erschütternden Tränen weggespült.

Die sechste Woche begann.
In der Frühschicht traf ich auf einen Geist. Ohne Gegenwehr oder Zetern ließ Herr K. mit leerem Blick mein Waschen über sich ergehen. Die Nachtschwester hatte ihm ein Klistier verabreicht, das ausgeprägte Folgen im Bett hinterlassen hatte. Es war sein 45. Geburtstag. Wir schwiegen.

„Vielleicht noch fünf Nächte. Er wird ruhig.“ sagte Schwester Irma.

Herr K. lebte noch drei Tage. Als ich zur Dienstübergabe auf Station kam, war sein Zimmer schon leer, sein Körper im Kühlfach. Ich begegnete Evi im Flur. Ihr erster Tag nach dem Urlaub.
„Hast du ihn noch gesehen?“
„Ja.“
„Hat er noch etwas gesagt?“
„Nein. Aber er hat gelächelt. Ehrlich gelächelt. Er war ganz weich. Alles war gut.“ Evi senkte den Blick. Dann ein Tropfen auf dem Boden.

Herr K. hatte nie Besuch während seines Sterbens. Das kann ich, 25 Jahre später, so wenig vergessen wie ihn. Er bleibt.

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