Bowlmoment

Vor den meisten Bowls habe ich Angst.

Sie sehen üppig aus, machen mich am Ende nicht satt und nirgends gibt es Brot dazu (das mich immerhin sättigen könnte). Ich stehe vor dem Bestelltresen und bin überrascht, dass ich – ja, wie nennt man so etwas überhaupt? – das Restaurant, den Imbiss, die Bowleria, den Fresh-Food-Place, den Nahrungsaufnahemmöglichkeitsraum oder wie auch immer, betreten habe.
Es gibt warme Bowls. Warm ist gut. Warm ist sehr gut. Es ist schon 15:44 Uhr, bis jetzt habe ich genau zwei große Caffe Latte im Leib. Für den Fußweg heim brauche ich dringend Energie. Und hier ist es, im Gegensatz zu den anderen Lokalitäten, an denen ich vorbei gekommen bin, angenehm ruhig. Genug Gäste, um sich wohlzufühlen. Genug Leere, um durchatmen zu können.
Warme Bowls also. Kalte gibts auch. Wraps. Salate. Menschen, die Salat essen, wenn es draußen 2°C hat, sind mir suspekt.
Der Mensch hinter dem Tresen ist blutjung, männlich und hat einen Knödeldutt auf dem Kopf, wie seine Kollegin, die in der Küchenzeile daneben steht.
„Hast du gewählt?“
„Ich möchte bitte die Oriental Bowl.“
„Falafel drauf?“
„Drauf? Also zusätzlich?“
„Ja.“
„Ja. Falafel ist immer gut.“
„Hey, du bist die erste heute, die darauf reagiert.“
In diesem Augenblick schiebt sich der Mann, der hinter mir stand, halbnebenvor mich und sagt entschuldigend: „Ich kann sonst die Tafel nicht lesen.“ Ich benicke das. Sein Haaransatz sieht aus wie der von Gabriele Krone-Schmalz, obwohl er gar nicht herzförmig, sondern ganz rund geschnitten ist. Das Haar wirkt wie aufgeklebtes, dunkelbraunes Kunstmoos. Käme jetzt eine Modelleisenbahn von seinem Hinterkopf gefahren, es wunderte mich nicht. Ich wende mich wieder dem Knödeldutt zu.
„Willst du auch Kartoffeln?“
„Kartoffeln sind doch drin.“
„Ja, allerdings die anderen.“
„Mach einfach. Mach, wie du denkst.“
„Wow, das hat hier noch nie jemand zu mir gesagt.“
„Ich hab halt Hunger.“
„Und ich dachte, es läge an meiner Wirkung.“
„Er versucht zu flirten, merken Sie?“, schaltet sich der Moosmann ein.
„Er ist locker 30 Jahre jünger. Er flirtet nicht. Er hat ein Verkaufswebinar mitgemacht. Hab ich recht?“, mein Blick wandert zwischen Kunstmoos und Knödeldutt.
„Eine Webiwas?“, fragt er.
„Webinar. Also bitte, das kennt deine Generation doch viel besser als meine.“
„Ich kenne nichts. Ich lebe analog.“
„Du lebst ana …aha. Bemerkenswert.“ Mein Staunen ist aufrichtig.
„Ich habe kein Internet, keinen Fernseher, keine E-Mail-Adresse. Ich pack dir noch Erdnüsse drauf.“
„Kann ich mit Karte zahlen?“
„Klar, ich arbeite hier ja in der schönen neuen Welt.“
„Jetzt fühle ich mich elend und überwacht. Warte, ich habs wohl auch bar…moment.“
„Siehste, schon bist du analoger. Weg mit dem Internet! Mich kann man ja auch nur analog kennenlernen.“
„Der flirtet sehr wohl! Was kostet die Bowl denn jetzt? Hamse mal gefragt?“, der Moosmann blickt kritisch zum Knödeldutt.
Ich krame nach Geld und zahle analog. Gute fünf Euro mehr.
„Hauptsache, ich werde satt.“
„Wenn wir Mary-Jane aufrufen, ist es deine Bowl. Ich bin übrigens 20.“
„Mary-Jane?“
„Ja, bei uns bekommt jeder einen eigenen Namen.“
Kichernd trete ich einen Schritt zur Seite und nehme mir Besteck und Serviette.
Der Moosmann ist dran: „Ich nehme die Meatball Bowl und eine Fritz Kola. Wenn ich einen Namen wählen darf, würde ich gerne als Hugo aufgerufen werden. “
„Das macht das System in der Kasse automatisch, das kann ich nicht beeinflussen.“
Der Knödeldutt tippt, das Papier surrt heraus, er blickt drauf.
„Etienne.“
„Etienne?“
„Etienne.“
„Ich höre nicht auf Etienne. Ich bin 44.“
„Kein Problem, ich ruf einfach Hugo, wenn Etienne fertig ist.“

Analog halt.

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