Blumenbegegnung

„Ich sehe aus wie Alfred Hitchcock!“
„Stimmt. Ein bisschen. Es wird jetzt auch grün-blau. Schon gesehen?“
„Nein.“
Der Doc ist zufrieden.
„Das ist jedenfalls anders, als bei Hitchi. Wir sehen uns zum Fäden ziehen, falls Sie nicht noch Kapriolen machen.“
Blumen. Ich möchte mir Blumen schenken und steige eine Station früher aus dem Bus. Am Blumenladen ist alles voller Tulpen. Mir ist nicht nach Tulpen. Der Himmel ist blau. Stahlblau sogar. Ich bin froh, meine Sonnenbrille auf der Nase zu haben. Aber die Luft kühlt strenger als die Coldpacks der letzten Tage und meine Finger werden ohne Handschuhe in Blickgeschwindigkeit blaurot. Vom Eingang des Seniorenstifts einige Meter weiter, nähern sich drei alte Damen.

„Jetzt wollen sie den Frühling aber herbeizwingen.“
„Sind ja nur Tulpen!“
„Nur Tulpen!“

Zwei Damen (beide ohne Hut) verschwinden sofort im Laden. Die Dritte bleibt neben mir vor der Auslage. Ich spüre, wie sie mich mustert. Versuche mein Gesicht tiefer in den Schal zu senken, aber ich hab ihn zu fest um den Hals gewickelt. Hitchcock bleibt draußen. Wenn ich mich drehe, wechselt sie den Platz, so dass sie mich weiter ansehen kann. Sie tut es ganz offensichtlich und doch begegnet sich unser Blick nicht. Unter ihrem weinroten Filzhut krauseln kleine weiße Locken hervor. Sie trägt eine Modebrille in dunkelgrün. Ihre Augenwinkel sind gerötet von kältebedingten Tränen. Das Rot findet seine Wiederholung an wundgeputzten Nasenflügeln. Sie hat ein Grübchen im Kinn. Das Gesicht gibt nichts mehr aus ihrer Jugend preis. War Sie einmal hübsch? Wann kamen die ersten Fältchen? Und wann verschwand jegliche Weiblichkeit aus diesen Zügen? Sie war immer schon dünn. Aber niemals gebeugt. Ich glaube Kinder hat sie nicht.

„Drinnen auch nur Tulpen!“
Die Hutlosen kommen kopfschüttelnd wieder.
„Also, ein paar Rosen noch. Und Gerbera. Und diese…wie heißen die? Lilien.“
„Was man ja gar nicht mehr sieht, sind Nelken.“

Ich beuge mich zu einem Stiefmütterchen. In diesem Moment stellt sich die Dame mit Hut dicht neben mich. Als ich wieder empor komme, berührt sie mich sanft am Arm und sagt sehr leise, aber ungeheuer bestimmt: „Kind, das darf man nicht mit sich machen lassen! Und wenn Sie erst mal bei mir mit im Zimmer wohnen!“
Die Sätze schwirren mehrfach durch meinen Kopf, bis ich verstehe, was Sie mir sagen möchte. Ich nehme die Sonnenbrille ab.
„Kein Ehemann! Nur der Kieferchirurg.“ Mein Versuch freundlich auszusehen wird von der Schwellung ausgebremst.
Ihre Augenbrauen ziehen sich hoch. Beim Lächeln lächelt das Grübchen mit.
„Dann ist gut.“ Sie klopft mir auf den Arm, hält ihn kurz fest und dreht sich zu Ihren Freundinnen.
„Dann ist wirklich gut.“
Ich weiß, Sie kannte das anders.
Mir tut plötzlich nichts mehr weh.

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