Bartmoment

Das kleine, französische Café ist gut besucht um die Mittagszeit. Es riecht nach Schmorzwiebeln und Ziegenkäse, nach süßem Essig und zuckrigen Crêpes. Die Tische stehen fürs deutsche Gemüt viel zu eng. Im vorderen Bereich ist alles besetzt, ein kleiner Platz direkt an der Tür ist noch frei. Ich stelle meine Tasche auf den Stuhl, um den Mantel auszuziehen, da sehe ich, dass es einen weiteren Raum gibt. Hinten. Ich nehme die Tasche und gehe durch. Drei Tische mit je zwei Plätzen. Ein Paravent, der den Blick zur Küchentür abschirmt und der Durchgang zu den Toiletten. Ein einzelner, älterer Herr sitzt am ersten Tisch, nah zum Vorraum. Ich lasse eine Lücke zwischen ihm und mir und wähle Tisch drei. Egal auf welche Seite ich mich setze, wir werden unseren Blicken ausgesetzt sein. Er trinkt einen Rotwein. Auf einem kleinen Silberteller steht ein weißer Porzellanteller mit Baguette. Die Bewegungen des Mannes sind von extremer Langsamkeit. Seine Hände offenbaren das typische Parkinsonzittern. Die Mimik ist eingefroren. Er trägt ein dunkelblaues Sakko zu einer cremefarbenen Hose. Das Maßhemd ist schneeweiß und offensichtlich gestärkt, die eckigen Manschettenknöpfe aus mattem Silber. Ich bin überrascht, dass er keine Krawatte trägt, sondern den obersten Hemdknopf offen. Über dem Hemdkragen wird ein vollkommen haariger Hals sichtbar. Langes, weißes Barthaar um den ganzen Hals herum.
„Haben Sie gewählt?“
Die Kellnerin hat leider keinen französischen Akzent. Das hätte mir gefallen. Mein Blick fällt erst auf das Bild von Jean Gabin an der Wand, dann auf den Speisenzettel.
„Die Spargelquiche. Und stilles Wasser, bitte.“

Meine Augen wandern sofort wieder zum Hals. Eine andere Kellnerin geht zum Tisch des Mannes und serviert. Ich sehe etwas Dunkles auf einem Bett aus Püree und Gemüse.
„Bitte sehr, die Leber.“

Er sagt sehr leise und sehr langsam „Dankeschön.“ Die Kellnerin scheint ihn zu kennen, denn sie wartet den Moment, den er braucht. Er holt Luft und setzt nach: „Bitte noch frischen Pfeffer.“ Sie nickt, holt eine große Pfeffermühle aus fast schwarzem Holz und lässt sie kurz über die Leber kreisen.
„Gut?“
„Gut.“

Ab der Kinnleiste nach oben ist das Gesicht glattrasiert. Perfekt glatt rasiert. Die Haut des Mannes wirkt weich, zartrosig und leicht glänzend. Sie ist gepflegt, wie auch seine Hände und der akkurate Schnitt der spärlichen Kopfbehaarung. Er trägt eine feine Metallbrille.

„Die Quiche.“
Der Spargelduft nimmt mich gefangen. Warm strömt er in meine Nase. Die bunte Salatvariation gibt dem farbschwachen Gemüsekuchen eine fröhliche Note. Während ich esse, sinniere ich über den haarigen Hals. Immer wieder sehe ich kurz zu meinem Sitznachbarn, der mit Engelsgeduld seiner Krankheit trotzend ein Stück Leber abzuschneiden bemüht ist. Es dauert quälend lang. Und noch einmal so lang, bis die zitternde Hand die Gabel zum Mund geführt hat. Meine Quiche ist schon halb verputzt.
Warum nur hat er den Hals nicht rasiert? Ja, er ist welk. Extrem welk sogar. Selbst unter den weißen, zubbeligen Haaren sieht man die Kaskaden herabhängender Haut. Und trotzdem. Alles ist so akkurat! Nur dieser Hals nicht. Dschungel. Wildnis. Wahrscheinlich liegt es am Parkinson. Die Wangen kann er noch strecken und straff ziehen zur Rasur, aber bei der Halshaut hat er irgendwann kapituliert. Lieber Haare als Schnittwunden. Aber er könnte trocken rasieren? Trimmen? Kürzen? Facon reinbringen? Warum dieser befremdliche Urwald? Überhaupt habe ich noch nie so weit nach unten wachsendes Halsbarthaar gesehen. Ob der ganze Körper so aussieht? Die Handgelenke geben keinen Hinweis.
Mein Teller ist leer. Seine Leber muss inzwischen kalt sein. Das Püree offenbart trockene Stellen.

„Die Rechnung, bitte.“
Meine unfranzösische Kellnerin reagiert flink. Während ich nach einem Geldschein im Portemonnaie fische, dreht sie sich einmal zur Seite und fragt den Mann:
„Alles in Ordnung?“
„Bestens!“

„Stimmt so.“
„Danke.“
Ich stehe auf und zieh den Mantel an. Knapp vor der Ausgangstür bremse ich ab. Stehe unschlüssig. Hitze steigt mir in die Wangen. Die beiden Büromänner am Tisch vor mir stutzen. Ich MUSS es wissen. Ich MUSS. Mit pulsierender Schlagader gehe ich zurück.
„Bitte…verzeihen Sie, dass ich Ihr Mittagessen störe. Aber ..ich…darf ich Sie etwas fragen, bitte?“
Es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis er das Besteck zur Seite gelegt hat und zu mir hoch guckt.
Diese Leber ist doch ohnehin schon eiskalt. Mut!
„Ja?“
„Warum…..also….warum haben Sie das Gesicht ganz glatt, aber den Hals überhaupt nicht rasiert?“
Ich höre meinen Herzschlag im Ohr. Wie kann ich das nur fragen?
Der Miene des Mannes kann sich schon lang nicht mehr aufhellen, aber jetzt zieht es die Augenbrauen unweigerlich nach oben und seine Augenlider formen ein heiter-schmales Oval. Seine rechte Hand klopft sanft auf die Tischkante, als feiere sie einen lang ersehnten Augenblick.
„Weil es so schön kitzelt, wenn die Haare den Kragen berühren.“
Ich stehe und staune. Mein Mund muss offen sein.
„Weil …?“
Er wirkt verschmitzt. In Zeitlupe greift er Messer und Gabel und setzt seine Mahlzeit fort.
„Danke.“
Er nickt.
Ich gehe. Bleibe stehen. Dreh mich um.
„Das ist ziemlich … herrlich!“
Ich warte den Moment, den er braucht. Er holt Luft:
„Ich weiß.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.