Rückfahrtmoment

„Das ist meiner!“
Ich zeige auf den Fensterplatz. Vierersitze mit Tisch sind die Hölle. Aber etwas anderes war kurz vor der Abfahrt nicht mehr zu bekommen. Ein leicht schwitziger Geschäftsmann im blauen, tagesknittrigen Hemd blickt von seinem Laptop auf. Das Unglück ist ihm kurz anzusehen. Dann hellt sich seine Miene auf und er räumt geflissentlich Mousepad und Mouse von meiner Tischseite, und Aktentasche sowie Mantel von meinem Sitzplatz. Er steht auf und lässt mich in mein winziges Refugium. Für die nächsten dreieinhalb Stunden. Ich versuche meine Beine schnellstmöglich weg zu sortieren. Die rehgleiche, junge Frau mir gegenüber ebenfalls. Sie trägt einen Flanellrock mit cremefarbener Bluse. Darüber eine schwarze Kaschmirstrickjacke. Perlenohrringe und eine Perlenkette. Winzige Perlen, zweimal um den schwanenschlanken Hals gewickelt. Vor ihr aufgeklappt ein ThinkPad. Der Platz daneben noch ohne Person, dafür mit Laptoptasche, Bäckerpapiertüte, Handtasche, Kurzschurwollmantel und Miniregenschirm. Ihre Wimpern kennen keinen Mascara. Sie hat den geflochtenen Zopf am Hinterkopf hochgesteckt. Eine breite Haarsträhne ist halb hinter das Ohr geklemmt, halb hängt sie in die Stirn. Die Oberlippe hat mehr Volumen als die untere. Eine Miniaturausgabe von Julia Roberts‘ Mund. Jenseits des Durchgangs sitzt ein vollkommen schwarz gekleideter Mann. Künstler- oder Werberschwarz. Hornbrille. Unordentlich nach hinten gegeltes Haar. Er hat ein Muttermal auf dem Ohrläppchen. Im ersten Moment hielt ich es für einen Ohrring. Aber wer hat schon einen platten, braunen Ohrring?
Während ich mich auf meinem Platz einrichte, guckt er herüber. Ich sehe es im Fensterglas. Sobald ich den Kopf in seine Richtung drehe, guckt er konzentriert auf seinen Laptopbildschirm. Ihm schräg gegenüber ein schnarchender Mann im Norwegerpulli. Tippgeräusche überall. An meinem Tisch wild durcheinander. Der schwarz gekleidete Mann aber tippt im selten anzutreffenden Ein-Finger-System, wobei der Zeigefinger seiner rechten Hand sekundenlang über der Tastatur kreist, wie der Schnabel eines unschlüssigen Huhns. Dann pickt er. Ein E oder K oder L oder M. Ich habe den ganzen Tag noch nichts gegessen und ziehe meine Tupperbox aus der Tasche. Der schwitzige Geschäftsmann arbeitet an einer textlastigen Power Point Präsentation, die mich schon beim Danebensitzen langweilt. Das Perlenreh nimmt einen Schluck Kirschdurstlöscher. Der kindliche Trinkkarton wirkt eigenartig fehl am Platz in ihren Händen. Jeder Schluck unhörbar zart. Ich weiß nicht, wie man es schafft so einen Karton zu leeren, ohne zum Schluss schreckliche Schlurzgeräusche zu machen. Sie kann es. Ich könnte es nicht. Aber an ihr sehen die Perlen auch so aus, als seien sie von Geburt an im Ohr gewesen. An mir wirken Perlen wie auf ein Dromedar gezwungene Seide.
Im Fenster sehe ich wieder den Blick des Schnabelfingermannes. Ich wende den Kopf zu ihm. Zu meiner Überraschung hält er den Blick und sagt:
„Im Fernsehen sehen Sie ganz andres aus.“
Meine Überraschung verweilt und hebt meine Augenbrauen.
„Und sehe ich das richtig…ich wollte es ja erst nicht glauben…aber Sie essen da einfach Kartoffeln, ja?“
Ich gucke auf die Kartoffel in meiner Hand. „Ja. Einfach Kartoffeln.“
„Kalt? Mit Schale? Ist da nix dran?“
„Raumtemperatur. Also nicht kalt. Nix dran, nein.“
Der schwitzige Geschäftsmann lässt die Augen zu meiner Tupperbox schweifen: „Echt? Kalte Kartoffeln?“
„Raumtemperatur!“
„Ich hatte mich auch schon gewundert, aber wollte nicht fragen.“, bringt sich das Perlenreh ein.
„Ich mag Kartoffeln. Pur. Also Kartoffelgeschmack. Einfach so.“ versuche ich zu erklären.
Schnabelfinger schüttelt den Kopf: „Najaaaa, und natürlich immer die Linie im Sinn. Das haben ja alle Schauspielerinnen.“
„Ich …“
„Sie sind Schauspielerin?“ fragt der Geschäftsmann. Das Perlenreh schweigt und äugt.
„Ich ….“
„Er hat recht. Ich kenn Sie auch aus dieser Serie…warten Sie.“
„Kartoffeln sind aber nichts für die Linie.“ wirft das Perlenreh nun doch ein.
Ich beiße in eine Kartoffel und überlege, wer ich sein könnte.
„Ach, ich komm nicht drauf!“
„Nicht Serie. Sie ist im Theater!“ sagt Schnabelfinger und pickt auf das R.
Ich bin irritiert. Zutiefst.
„Münster?“ fragt das Perlenreh.
„Nein. Nein keine Serie und auch nicht Münster.“ sage ich mit halber Kartoffel im Mund.
„Ich hätte schwören können Serie.“ murmelt der Geschäftsmann.
Immer mehr Köpfe drehen sich. Nur der Norwegerpulli schnarcht.
„Wirklich. Sie verwechseln mich. Ich bin nicht bekannt.“
„Aber dann sind Sie zumindest jemandem ähnlich.“
„Mag sein.“
Niemand sagt mehr ein Wort. Die Köpfe drehen sich weg. Die letzte raumtemperierte Kartoffel wartet.
„Sie haben ein bemerkenswertes Muttermal am Ohr.“ werfe ich noch rasch dem Schnabelfinger zu.
Er greift danach, steht halb auf und streckt es mir in der flach geöffneten Hand entgegen.
„Ein Ohrring. Nur ein Ohrring, platt und braun.“

EDEKAmoment

„Suchen Sie etwas Bestimmtes?“
Die Frau neben mir unterbricht das Regaleinräumen und sieht mich fragend an. Sie ist erheblich kleiner als ich, Mitte fünfzig und trägt dunkelgrüne Crocs mit drei Schmucksteckern: ein Grobi-Gesicht, der Star Wars Schriftzug und eine italienische Flagge. Ihre Hände haben kurze Finger mit frisch gegelten Nägeln. Gold- und Silberringe wirken unentschlossen verteilt. Den lebendigen Lockenschwarm auf ihrem Kopf hat sie zwischen zwei Klemmen getürmt, aus denen einzelne Kringel wild schwingend zu entkommen versuchen. So stelle ich mir eine Funkstation bis in den Andromeda-Nebel vor.
„Hefeflocken.“
„Hefe oder Hafer?“
„Hefe.“
„Hafer hätte ich gewusst. Hefe weiß ich nicht. Moment, bitte. Ingooo?“
Sie geht an das Ende des Regals und flötet das Ingo-O ausgiebig bis hinter die Käsetheke.
„Haben wir Hefeflocken?“
Von Ingos Funkstation ist nur noch die Basisplatte übrig. Er hat eine Brille mit winzig kleinen, kreisrunden Gläsern, was ihn, besonders hinter all den Käsetürmen, unglaublich intellektuell wirken lässt. Direkt an der Nasenwurzel, knapp unter dem Brillenbügel, ist eine tiefe Kerbe. Da die Nasenflügel ebenfalls scharfe, schattige Grenzen ziehen, wirkt die Nase insgesamt wie aufgeklebt. Vielleicht wechselt Ingo nicht nur die Brille. Vielleicht auch die Nase, je nach Tagesform. Ich verwerfe den Gedanken wieder.
„Hefe oder Hafer?“
„Hefe.“ kichert die Lockenfrau, dreht sich dann zu mir und sagt: „War nich abgesprochen.“
Ingo grübelt über einem Greyerzer.
„Wenn, dann bei Bio. Oder im Veggie-Regal. Denk ich.“
„Nicht bei den Würzpasten?“
„Möglich. Oder neben Maggi.“
„Neben Maggi?“
Die Lockenfrau zieht skeptisch die Augenbrauen empor und zeigt an das andere Ende unseres Ganges.
„Fangen sie da hinten an. Da ist das Veggie-Regal. Ich tippe, es ist da. Die verrückten Sachen sind immer im Veggie-Regal.“
„Dankeschön, ich guck mal.“
Die verrückten Flocken sind nicht da. Bei Bio ebenfalls nicht und neben Maggi residiert Knorr. Ich durchforste das Gewürzregal und die Würzpastensparte. Blicke noch einmal bei Essig und Öl und Senf vorbei, mache einen sinnlosen Ausflug zum Glutenfreifach und vollführe eine letzte Hoffnungspirouette vor einem Vitalfood-Aufsteller. Vergebens.
„Hamse gefunden?“
„Nein. Normalerweise hol ich die im Reformhaus, aber es hätte ja sein können, dass es die auch hier gibt. Sie sind ja gut sortiert.“
„Ja, sind wir. Ich hätt auch schwören können …“
Ich sehe aus dem Augenwinkel, wie eine Hand von hinten etwas in den Einkaufskorb legt, den ich am rechtem Arm hab. Halbe Drehung. Ingo. Im Korb obenauf liegen Hefeflocken.
„Standen beim Salz.“
„Aber…da war ich!“
„Nee. Sie waren beim normalen Salz. Die waren aber unten rechts im Meer- und Steinsalzregal, neben dem rosa Bergsalz, über dem bunten Rauch-Beef-Pfeffer. Hat mir keine Ruhe gelassen. Ich muss wieder in den Käse.“
Ingo geht.
„Was für ein verrückter Platz!“ sagt die Lockenfrau und schüttelt den Funkturm. Ich nicke und hoffe inständig, dass uns im Andromeda-Nebel niemand gehört hat.

Weihnachtsmoment

Die Nachbarn von gegenüber tanzen. Die Scheiben der Küche sind noch beschlagen vom Kochen. Das Essen – womöglich schon am Tisch, in jedem Fall aber servierbereit. Sie ist an ihn geschmiegt, hat den Kopf in der leichten Mulde vor seiner Schulter vergraben, die sich durch die Tanzhaltung ergibt. Ihr Haar wirkt wie ein dunkler, kühler Wasserfall vom Scheitel bis tief hinab zu den weichen Hüften. Das Kleid hat Taille und ist ungewöhnlich bleu für unseren Stadtteil. Dann erkenne ich, er hat die Schürze noch an; am Rücken in grober Schleife geknotet. Die Entfernung ist zu groß, aber sein Gesicht lässt ahnen, dass seine Augen nur halb geschlossen sind. Sie haben das Armpaar, das sich an den Händen hält, nicht ausgestreckt, sondern eng zueinander gezogen. Wie die Paare in alten amerikanischen Filmen, die sich auf der glänzend schwarzen Tanzfläche noch nicht oder aber zum ersten Mal küssen, während die Kamera leise ihren Fokus aus dem Fenster im 35.Stock über das nächtliche New York schwenkt.Jetzt macht er einen sachten Ausfallschritt. Die Innigkeit bleibt. Beider Finger klammern nicht, sondern lösen sich verspielt, um erneut zart ineinander zu greifen. Suchend. Wissend. Obwohl ich nur die leicht wiegenden Bewegungen der Oberkörper sehen kann, weiß ich um die gewählten Schritte der schuhlosen Füße. Es wird kein Dielenboden sein. Kein Parkett. Aber sie gleiten und ich summe „Moon River“ wie Holly Golightly, obwohl drüben vermutlich Michael Bublé singt. Der Rotwein atmet dahin. Lamm in der Küche. Gestern früh zog er den eingeschnürten Christbaum hinter sich her über den matten Asphalt. An der Haustür ein gewissenhaftes Schnaufen, nicht der Anstrengung, sondern dem Ankommen geschuldet. Wir haben uns freundlich zugenickt und mir fiel zum ersten Mal auf, dass der Mann fast weiße Wimpern hat. Den Christbaum hat er im Netz auf den Balkon gelegt. Sie hebt einmal kurz den Kopf. Das nächste Lied beginnt. Ich summe. Weihnachten ist jetzt.
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Kisumumoment

Abenddunst liegt über Kisumu, als wir abheben. Die Luft ist rosa und wirkt wie ein Weichzeichner auf das Grün am Boden, das gleichgültig in die undurchdringlichen Wasser des Viktoriasees übergeht. Die Dunkelheit kommt schnell; selbst im aufsteigenden Flieger können wir dem Tag kaum einen Lichtmoment mehr abtrotzen. Ich blicke aus dem Fenster mit saugenden Augen, die nichts von der Landschaft loslassen wollen. Über den Wolken kann das Herz unverhofft schwer sein. Das leichte Ziehen hinter den Rippenbögen weitet sich aus zu einem tiefen, akkurat gezielten Stich, der Atmen kurzzeitig unmöglich macht. Die Tränen sind kühler als meine Haut und schummeln sich verstohlen bis an den Hals hinunter.
Ich würde der Stewardess jetzt gerne sagen, dass ich die Welt nicht verstehe. Nie verstanden habe. Dass alle Versuche lächerlich waren. Und sind. Einmal keine Erklärung zu haben so viel wertvoller war, als alle vorgedachten Schablonen.

Der Brite jenseits des Gangs, der sich mir in Nairobi als Matthew vorstellen und sagen wird, mein Händedruck sei aber verdammt „german kräftig“, verpasst den letzten Sonnenstrahl in den Wolkentürmen, indem er seine Augen auf dem Handy-Display verweilen lässt.
Die voluminöse Afrikanerin mit der Vielzahl ellenlanger Zöpfe, in der Reihe davor, dreht sich immer wieder zu mir um. Treffen sich unsere Blicke, schiebt sie mit dem Zeigefinger die große, schwarze Brille empor. Im gleichen Maße heben sich ihre Mundwinkel, doch die Lippen bleiben geschlossen. Einmal formen sie lautlos ein „Nice“ und dabei deutet sie auf mein Haar. Das Ehepaar vor mir teilt sich wortlos salzige Nüsse und wählt zum Mangonektar noch ein Wasser.
„Soft Drinks, Madame?“ Die Stewardess hat mütterlich meinen Tisch herunter geklappt und legt eine dünne Papierserviette hin. Als ich mein Gesicht zu ihr drehe, reicht sie mir wortlos nickend eine zweite.
„No. Thank you.“
Außer dem Blinken des Tragflächenlichts ist nichts mehr zu sehen. Die Serviette knistert beim sanften Aufdrücken auf dem Jochbein. Ich fühle die Müdigkeit mit der Innigkeit einer zu lang entbehrten Umarmung. Das Herz klopft ins Leere.

kisumu

All of Ole

OLE 1

Der schönste Moment des Einkaufs war die Pfandrückgabe. Zum ersten Mal nimmt der Automat einfach jede Flasche an. Lässt keine zurückgehen. Das ist mir noch nie passiert. Ich nehme immer mindestens eine Flasche frustriert wieder mit heim. Dieserart euphorisiert kaufe ich mehr Spargel, mehr Erdbeeren, mehr Gurken und mehr Radieschen, als es sich für meinen Eigenbedarf geziemt. Mit rund gefüllten Stofftaschen betrete ich den Hausflur.
Als ich den Fuß in den dritten Stock setze öffnet sich die Tür vor mir.
„Moin, Ole.“
„Moin.“

Ole wirkt verschlafen. T-Shirt und Gesichtshaut weisen einen identischen Knitterigkeitsgrad auf. Er blinzelt ins Lampenlicht über uns.
„Dich sieht man auch nie.“
„Bin viel unterwegs, Ole, weißte doch.“
„Ja. Und genau das ist das Problem. Wir sind zu viel unterwegs.“
„Du auch?“
„Ja. Aber … der erste Schritt ist ja, das Problem zu erkennen. Weißt du, wir sind ja keine 20 mehr. Oder 30.“

Ich unterbreche Ole nicht, frage mich allerdings, warum mir zur Zeit ständig Menschen begegnen, die mich ungefragt daran erinnern, dass ich keine 30 mehr bin. Bestimmt fängt er gleich von den Wechseljahren an.

„Und wenn man weiß, dass man keine 30 mehr ist, dann wird die Luft dünn! Sehr dünn.“
„Nanana, Ole….Samstagsdepression?“
„Vielleicht. Wir sind einfach zu viel unterwegs.“
„Ich hab gerade Urlaub.“
„Echt?“
„Echt.“
„Und was machste?“
„Wohnen.“
„Wohnen ist super. Ich bin eigentlich nicht zu viel unterwegs. Ich lasse mich nur von meinem Hobby auffressen.“
„Äh….aber das kannst du doch selbst bestimmen. Reduzier es einfach?“
„Da hast du recht. Ja.“
„Allerdings: was machst du dann in der gewonnenen Zeit?“

Oles Blick geht gedankenverloren an mir vorbei. Mit einem sanften Klick erlischt das Flurlicht. Wir stehen im Dunkel. Ich höre seine Schritte, unsere Arme berühren sich, kurz bevor er die Treppe erreicht. Im zweiten Stock bleibt er kurz stehen. Er seufzt.
„Ich suche mir ein neues Hobby.“

_ _ _ _

OLE 2

Tag eins nach meinem Termin beim Kieferchirurg. Ich habe den Müll weggebracht. Auf der Treppe hinauf zur Wohnung kommt Ole mir entgegen.
„Moin.“
„Moin.“
„Na, alles gut?“
„Ja, danke.“
Ole bleibt stehen.
„Du siehst anders aus. Haare?“
„Nein.“
„Ich dachte…naja…bei euch Frauen sind es doch immer die Haare.“
„Diesmal nicht.“
„Aber anders stimmt doch, oder?“
„Wenn du so willst….“
„Warte…ich komm drauf!!“
Er mustert mich.
„Du hast keine Brille auf.“
„Ole, ich hab nie eine Brille auf. Zumindest nicht, wenn ich dir begegne.“
„Aber du hast eine?“
„Ja.“
„Aber das isses nich?“
„Nein.“
„Dann weiß ich nicht.“
„Es….“
„Halt! Ich hab‘s! Du hast dir so’n Zeugs spritzen lassen!“
„Ich …?“
„Schief gegangen? Mist sowas! Jetzt seh ich es auch. Völlig schief! Du bist völlig schief gespritzt! Rechts ist total …dick!“
„Maaaaannnnn! Oleeeee! „
„Was denn?“
„Ich sag nix mehr …“
Gehe an ihm vorbei, weiter nach oben.
„Also lieg ich falsch oder was?“
Ich bin schon fast ganz oben. Ole erhebt die Stimme leicht kreischig.
„Jetzt sag doch mal! Es ist aber doch alles schief!“
Ich schließe meine Tür auf und lasse sie deutlich hinter mir ins Schloss fallen. Ich höre Oles Schritte die Treppe hinunter poltern. Die Haustür fällt theatralisch donnernd ins Schloss. Meine Klingel schrillt. Ich betätige die Gegensprechanlage.
„Ja?“
„Ich weiß gar nicht, warum du jetzt beleidigt bist! Aber den Arzt solltest du verklagen.“
Ich lege auf.
Hier wohnen echt nur Diven.

_ _ _ _

Ole

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OLE 3

Tür zu. Schuhe direkt vom Fuß in die Ecke schleudern, Tasche hinterher. Kopfhörer auf. Max Volume. Naja – fast max. Ich hüpf-zuck-schreite vom Wohn- ins Schlafzimmer und zurück. Bei manchen Songs produziert mein Körper Bewegungsabfolgen, die er sonst gar nicht kennt. Ich könnte eine Vodoopuppen durchbohren. Baue aber dann doch einsichtig mit Love Shack von den B52’s den Adrenalinspiegel ab. Repeat. Repeat. Repeat.
Ich ertanze kurz Küche und Bad, um durch Flur und Wohnzimmer wieder gen Schlafraum zu zucken. Augen schließen. Wilde Drehung. Augen öffnen.
Ein fast schmerzhafter Schreckensblitz durchfährt mich. 100% Adrenalin bis in bereits herabfallende Hautschüppchen. Mein Kiefer ist im Konflikt, ob er sich für einen Schrei lösen oder zwecks Zunge abbeißen zusammenschnellen soll. Der Ausfallschritt seitwärts vollzieht sich ruckartig und vollautomatisch. Ich knicke leicht ein mit dem Fuß, wanke etwas nach hinten. Meine rechte Hand reißt mir die Kopfhörer runter, gleichzeitig schnelle ich wieder nach vorne und nun schreie ich tatsächlich mit spürbar aufsteigender Zornesröte: „Sag mal bist du bescheuert?“
Ole weicht spontan zurück und hebt schützend die Hände vor sich.
Es schreit mich weiter: „Wie kannst du einfach hier reinkommen? Bist du noch zu retten?“
Ole senkt die Hände, um dann wieder die rechte Hand zu heben. In ihr baumelt ein Schlüsselbund.
Ich schreie ungerührt weiter: „Wie bist du überhaupt hier reingekommen? Wie kannst du einfach meine Wohnung betreten? Ich glaub du bist nicht ganz dicht!“
Ole wedelt mit dem Schlüsselbund.
„Der steckte draußen.“
„Der steckte…?“
„Ja.“
„Ja und? Du hättest trotzdem klingeln können!“
„Hab ich.“
Ich bin kreischig: „Ach ja? Ich hab nichts gehört.“
Ole zeigt auf meine Kopfhörer und verdreht die Augen. Sein Blick ist nun vorwurfsvoll.
„Ich wollte sicher gehen, dass du deinen Schlüssel auch bekommst.“
„Aufschließen, Schlüssel innen einstecken, Tür wieder zuziehen. Fertig.“
„Ich war ja nicht sicher, ob du wirklich da bist.“
„Bitte? Ich hab mitgesungen!“
„Hätte ja wer anders sein können.“
„Hätte ….? Das ist doch wurscht! Du kannst nicht einfach mitten in meiner Wohnung stehen!“
„Ich hatte ein seltsames Gefühl.“
Meine Stimme ist immer noch laut.
„Danke, das hab ich jetzt auch.“
Oles Schultern sinken herab. Er ist ohnehin ein wenig naturkrumm, aber jetzt wirkt er wie eine in die Jahre gekommene Trauerweide.
„Da.“
Er legt den Schlüssel auf die Kommode und wendet sich zum Gehen.
„Ich hab mich zu Tode erschrocken, Ole! Ist das so schwer zu verstehen?“
„Ich hatte ein komisches Gefühl!“
„Ja, Herrgottnochmal!“
Ole ist mit wenigen, großen Schritten im Hausflur. Er dreht sich um, greift nach dem Türgriff und bevor er mit wirklich finsterer Miene die Tür vor meiner Nase zuzieht, macht er sich plötzlich sehr, sehr gerade:
„Und ich würde das wieder tun!“
Das Türschloss klickt konsequent einer Erwiderung entgegen. Die Kopfhörer in meiner Hand vibrieren. In ihnen setzen die B52’s zum nächsten Repeat an.

_ _ _ _

OLE 4

„Moin.“
„Moin, Ole. Alles klar?“
„Sag mal, du wohnst doch direkt über A., oder?“
„Keine Ahnung. Ich kenn ja kaum jemand aus dem Haus.“
„A. sagte neulich, sie kenne niemanden, die soviel auf dem Boden fallen ließe, wie die Person über ihr.“
„Oha.“
„Das musst du sein.“
„Warum MUSS das ich sein? Ich bin total oft gar nicht da!“
„Aber wenn, dann fällt was hin.“
„Also…“
„Doch. Ist mir auch schon aufgefallen. Du hupst auch total oft aus Versehen beim Aussteigen.“
„Ich…“
„Das finde ich bemerkenswert. Wenn ich dein Auto vorfahren sehe, schließe ich die Augen und weiß: gleich hupts.“
„Das ist überhaupt nicht wahr!“
„A. hat das auch gesagt. Sie weiß aber nicht, dass du auch die bist, die alles fallen lässt.“
„Sag mal, was wird das denn hier?“
„Muss man doch mal sagen dürfen. Wir sehen uns ja sonst nicht.“
In diesem Moment fällt mir mein Schlüsselbund aus der Hand. Als ich mich bücke, um ihn aufzuheben, purzeln mehrere Kugelschreiber aus meiner geöffneten Tasche. Ole hebt Kulis auf.
„Ich sage da jetzt nichts zu.“
„Ist besser, Ole, ist besser.“
„Warum hupst du eigentlich nie beim Einsteigen?“
„Ich ….“
„Na, egal. ich muss los. Schönen Tag dir!“
Ja. Ich versuchs.

_ _ _ _

OLE 5

Begegnung mit Ole im Treppenhaus:
„Moin.“
„Moin.“

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OLE 6

Aus dem Briefkasten fallen mir mehrere Prospekte entgegen. Warum hab ich eigentlich den Anti-Werbung-Aufkleber angebracht? Ich bücke mich zu den Angeboten zweier Pizzadienste und eines Mobilfunkanbieters. Hinter mir wird die Haustür geöffnet. Ole. Ich gelange dezent schnaufend zurück in meine aufrechte Haltung und schließe den Briefkasten.
„Ganz schön rot, dein Mantel!“
„Ich mag rot.“
„Sieht man.“
„Und selbst?“
„Ja, muss.“
„Muss was?“
„Ach.“
„Hm.“
„Aber zu groß isser, der Mantel.“
„Ja. Bisserl. Aktuell. Aber keine Sorge, ich wachse wieder rein.“
„Ach, der ist nicht neu?“
„Nein.“
„Bald ist Vollmond.“
„Bald ist Vollm…äh…ja, mag sein.“
„Ich verstehe nicht, weshalb der Mond die Weiblichkeit symbolisiert.“
Ole blickt jetzt an mir vorbei, als könne er auf der Wand hinter uns einen Publikumsjoker auswählen.
„Der Mond symbolis…äh…Ole? Wie kommst du denn jetzt auf den Mond?“
„Na, dein Mantel! Und dass du wieder reinwächst! Ist doch so’n Frauending!“
„In Mäntel zu wachsen?“
„So ungefähr.“
„Und was hat der Mond damit zu tun?“
„Der nimmt auch immer zu und ab.“
„Na, dann passt es ja zu deinem Bild von Weiblichkeit.“
„Nee. Neeeeee, neeeeee. Der Mond mault nicht darüber! Der macht das zyklisch elegant!“
„Der macht das…zykl…äh….wann hab ich denn gemault?“
„Haste nicht.“
„Ha!“
„Noch nicht.“
„Ich …“
„Nee. Sag nix! Außerdem: ich zieh aus nächste Woche.“
Mir fallen die Prospekte aus der Hand und flattern zu Boden.
„DU ZIEHST AUS?“
„Nicht laut werden!“
„Warum? Wohin? Warum? Wohin?“
„Bremen. Job. Läuft.“
Ich suche einen Telefonjoker. Treppenhausjoker. Nicht mal 50:50 ist greifbar.
„Ja…dann…also….“
„Ja. Und lass deine Schlüssel nicht mehr draußen stecken.“
„Nein.“
„Gut.“
Das Treppenhauslicht geht aus. Ole drückt auf den Lichtschalter. Ich bücke mich nach den Prospekten. Schnaufe beim Aufheben. Ole geht schon Richtung Treppe.
„Ole?“
„Ja?“
„Mach‘s gut!“

Fingerabdruck

Liebe sei die schlimmste Religion von allen, sagte Marie.
„Guck sie doch alle an. Wie sie hörig sind. Nach dieser Besoffenheit suchen. Irgendwen brauchen. Ohne mich!“
Das Wort „Besoffenheit“ im Zusammenhang mit Liebe verstörte mich. Aber das tat Maries abgeklärte Art insgesamt. „Du musst endlich kapieren, dass dein Herz nur ein Muskel ist.“ Wir waren noch nicht 15. Ich spielte, natürlich heimlich und im vollen Bewusstsein der altersgemäßen Unsäglichkeit, manchmal noch mit Barbie-Puppen. Liebe kannte ich aus Filmen mit Cary Grant. Verliebtheit durch meine unglücklichen Schwärmereien für Jungs, die mich nicht sahen. Jungs sahen Marie. Marie rauchte. Hatte einen fuchsiafarbenen Lippenstift, den sie auf dem Weg zur Schule im Bus auftrug und der manchmal nach der zweiten großen Pause leicht verwischt war.

Ihre Haut entsprach vollkommen dem Pfirsichklischee. Wenn sie im Sportunterricht schwitzte und Tropfen von den Schläfen über die prallen Wangen liefen, hatte ich stets das Wort „Pflücken“ im Kopf. Maries Wangen waren für mich das Sinnbild vollendeter Schönheit. Die meinen hingegen eine Brutstätte beulenartiger, konfluierender Pusteln. Erfolglos überschminkt: Rote Beulen zu beigen Beulen.
„Du bist auch schön.“ sagte Marie manchmal. „Anders halt.“
Dann sog sie tief an der Zigarette und tat so, als blase sie Kringel in die Luft. Sie sagte mir nie, dass ich auch eine Kippe nehmen soll. Mit Marie durfte ich nach Köln zum Konzert von Spandau Ballett. Mit Marie sah ich TOP GUN im Kino. Wer angesagt war, schwärmte für Tom Cruise. Ich war nicht angesagt. Val Kilmer, der ging. Zweite Geige.Tatsächlich schwärmte ich innig (und nebenbei bemerkt viele Jahre lang) für Willem Dafoe aus „Platoon“, aber für den schwärmte man nicht.
„Auf Dafoe stehen ist doch ok.“ sagte Marie. „Anders halt.“

Einmal klatschte mir im Sportunterricht der Ball auf meine rechte Gesichtsseite. Dass sich das dicke Brillengestell schmerzvoll in mein Jochbein drückte, war unschön, aber zu verkraften. Grauenvoll hingegen zu spüren, dass durch die Wucht mehrere Pusteln aufplatzten, die sich schon den Vormittag über durch aufsteigendes Pulsieren bemerkbar gemacht hatten. Ich fühlte eine warme Flüssigkeit die Wange hinab rinnen und legte reflexartig die Hand darauf. Zu spät.
„Ihhh, voll eeeeeklig.“  Swantje lenkte mit einem theatralischen Fluchtsprung aller Augen Spott zu mir.
Ich rannte in die Umkleide. Kein Blick in den Spiegel, nur in die Hand. Blut und Eiter. Keine Tränen. Scham rinnt nach innen. Dann Marie, die mir ungefragt eines der grauen, rauen Papiertücher aus dem Waschraum ins Gesicht drückte, nachdem sie mich in eine Toilettenkabine gezogen und hinter uns abgesperrt hatte. Minutenlang und still. Mit der Kuppe ihres Ringfingers tupfte sie sachte auf die wenigen aknefreien Hautstellen. Drei, vier, fünf Mal. „Ganz weich!“ sagte sie. Ich sagte: „Anders halt.“ und wir lachten.

Maries Herz schlug noch 12 Jahre. Es hat nie gewusst, dass es ein Muskel ist.

Merlemoment

„Mama, die Frau kauft Gras.“
„Das ist Schnittlauch, Merle.“
Links von mir flüstert jemand einen Hasch-Kalauer.
Der weißbärtige Verkäufer mit Alm-Öhi-Hut reicht mir den Bund. Kurz bevor ich ihn im Beutel verschwinden lasse, halte ich ihn Merle hin. Sie greift hinein, zerwühlt mit den Fingern das Grün.
„Dickes, glattes Gras, Mama.“
„Das ist Schnittlauch, Merle. „
Ich versenke selbigen im Beutel und wende mich an den Öhi.
„Von dem Mangold, bitte. Rot und grün.“
Merle schweigt.
„Und Brokkoli bitte.“
Merle streckt die Hand aus. Ich nehme den Brokkoli und reiche ihn ihr. Sie fühlt.
„Harte Petersilie!“
Die mütterliche Stimme bekommt etwas betont Belehrendes.
„Das ist Brokkoli, Merle.“
„Es sieht aus wie Petersilie.“
„DAS da ist Petersilie!“
Merle sieht auf den Brokkoli. Dann auf die Petersilie und schließlich zu mir hoch.
„Wusstest du das?“
Ich nicke.
Die Merlemutter wird eifrig.
„Wenn du immer zuhörst, weißt du sowas auch, wenn du groß bist.“
„Wann ist das?“
„Später.“
„Heute Nachmittag?“
Der Öhi lacht kurz auf. Merle runzelt die Stirn und drückt den Brokkoli auf den Schnittlauch und das Mangold, wobei sie mit dem Kopf halb in meinem Beutel verschwindet.
„Deine Tasche ist voll Grün, die braucht Licht!“ Sie nimmt eine quietschgelbe Zitrone und legt sie obenauf.
Während die Hand der Merlemutter korrigierend nach vorne schnellt, hoffe ich, dass es nicht Nachmittag wird. Zumindest nicht heute.

Taximoment, again.

Am Bahnhof Altona steht genau ein Taxi. Das Schild auf seinem Dach leuchtet einladend. Ich bin müde und –hurra- gleich daheim. Das Taxi ist leer. Kein Mensch, der der Fahrer sein könnte, weit und breit. Auch Taxifahrer müssen mal. Bestimmt ist er gleich da. Ich warte. Fünf Minuten fühlen sich nach einer Zugfahrt mit zwanzig Minuten Verspätung am Sonntag um 22:44 Uhr einfach zu lang an. Ich greife zum Handy, will die Nummer der Taxizentrale wählen.
„Fahren Sie mit mir!“
Ein anderes Taxi ist gerade angekommen. Der Fahrer hat die Scheibe herunter gedreht. Offensichtlich kennt er die Abwesenheitsgewohnheiten seines Kollegen. Ich steige ein, nenne die Adresse.
„Eimsbüttel, ja?“
„Ja.“
Der Mann hat schwarzgraue Locken und einen flachen Bart, der wie samtiges Moos bis auf die Halsmitte fließt. Der Kragen des Poloshirts wellt sich, wie alle Poloshirtkragen dieser Welt, an einer Spitze nach außen, an der anderen nach innen. Seine Augenbrauen hat er von Martin Walser übernommen, die Statur von eher von Danny de Vito. Insgesamt macht er einen freundlichen Eindruck, allerdings verwandeln seine Mimik und Stimme den Innenraum des Wagens in ein Gebiet jenseits jedes Lachens. Sein Blick ist der eines Scharfschützen. Ich richte mich innerlich auf eine stille Fahrt ein.

„Stört es Sie, wenn ich meinen Apfel weiter esse?“
„Natürlich nicht. Bitte essen Sie.“
„Ich hatte heute noch kein Fleisch. Deshalb der Apfel.“
Selbst im Dunkeln muss er im Rückspiegel das Fragezeichen auf meinem Gesicht sehen.
„Ich habe Eisenmangel. Aber jetzt ist keine Zeit für Fleisch. Deshalb der Apfel.“
„Apfel enthält Eisen?“
„Ja. Ich muss jeden Tag mindestens zwei bis drei Äpfel essen. Oder Fleisch.“
„Apfel oder Fleisch ….das ist…bemerkenswert.“
„Brokkoli hat auch viel Eisen. Und Spinat.“
„War’s aber bei Spinat nicht bloß ein Gerücht?“
Meine Lippen formen unbedacht ein schwaches Lächeln, das durch die Niedrigtemperatur der Antwort sofort wieder einfriert.
„Nein. Aber wenn man zu viel Spinat isst, bekommt man Nierensteine.“
„Oh.“
„Ja. Aber… andererseits müssen Sie sehr viel Spinat essen, um Nierensteine zu bekommen. So viel Spinat isst man nicht. Essen Sie Kichererbsen?“
„Ja. Bekommt man da auch Nierensteine?“
„Nein. Aber Sie müssen die dunkelbraunen Kichererbsen essen. Ich bin aus Pakistan. Dort essen wir die dunklen Kichererbsen. Die dunklen schützen vor Krebs. Man muss wissen, was man isst.“
„Da haben Sie recht.“
„Kennen Sie Flohsamen?“
„Nicht …persönlich.“
Mein Scherz stürzt ins Leere.
„Die sind auch dunkel. Als Frau müssen Sie die kennen.“
„Ist das nicht …eine Art Abführmittel?“
„Auch. Aber das Dunkle hilft gegen Krebs.“
„Also sind dunkle Lebensmittel gut? Schokolade ist ja auch dunkel.“
Mein Tonfall – zu heiter. Sein Konter entsprechend ernst.
„Schokolade ist Gift.“
„Das ist ein hartes Urteil!“
Er hält den Apfelrest hoch.
„Hier…das ist das Beste….alles mitessen. Die Menschen werfen es weg. Aber in den Kernen steckt das Beste. Die sind auch dunkel.“
Noch einmal nehme ich Anlauf, ihm ein Lächeln abzuringen.
„Ich dachte als Kind immer, wenn ich Apfelkerne verschlucke, wächst in mir ein Baum.“
„Die Menschen wissen zu wenig über ihre Nahrung! Ihre Eltern hätten Ihnen sagen müssen, dass das nicht stimmt! Und wenn es nicht Bio ist, nützt es auch nicht. Es wundert mich, dass Sie Flohsamen nicht kennen.“
Ich weiß nichts zu sagen. Eine Entschuldigung liegt mir auf der Zunge.
Kurze Zeit umfängt uns Schweigen. Das Taxi biegt in meine Straße.
„Denken Sie an mich, wenn Sie krank werden. Essen Sie dunkel und Bio.“
Ich nicke.
„Das werde ich tun. Da vorne…ja, da hinter dem T5 können Sie anhalten.“
Er schreibt die Quittung und reicht sie mit dem Wechselgeld zu mir nach hinten. Dabei dreht er sich um und nimmt mich prüfend in Augenschein.
Reflexartig verspreche ich:
„Braune Kichererbsen, Flohsamen und Äpfel mit Kernen. Ab morgen.“
Seine Mundwinkel ziehen sich winzig nach oben. Doch er schüttelt den Kopf.
„Ich fahre erst weg, wenn Sie im Haus sind, ja?“
„Oh, Dankeschön, aber …das müssen Sie …nicht.“
„Nicht jedes Dunkel ist gut.“
Während die Innenraumlampe erlischt, wird ein behütend-weiches Lächeln erkennbar.

Ich steige aus, betrete das Haus. Die Tür hinter mir fällt ins Schloss. Den Wagen höre ich erst wegfahren, nachdem ich auf den Lichtschalter gedrückt habe.