Augenmoment

Die Luft ist empfindlich kühl geworden. Ich bin froh, dass ich die Mütze aufgesetzt habe. Meine Hände ruhen in den Manteltaschen, fingerwärmend zu kleinen Fäusten geformt. Am Schreibtisch vorhin war es still und stiller. Ein Tag mit Worten, tippen und Tee. Zum Hinausgehen musste ich mir einen Ruck geben.
Immerhin ist auf meinem Weg vom Vorweihnachtsgewusel noch nicht viel zu spüren.
Gleichwohl bin ich froh, dass die Kopfhörerstöpsel den Straßenlärm abfangen. Agnes Obel schickt sanfte Cellotöne zu meinem Trommelfell. Sollte mein Ich einen Klang haben, dann ist es Cello. Obels Cello.
Fuel to fire.
Der dunkelgraue Himmel macht eine Sonnenbrille überflüssig. Heute wird es regnen. Ich denke an die Plätzchen, die ich noch backen will. Denke an in Puderzucker getunkte Fingerkuppen. Den Geruch von gebräuntem Nussteig. Zerlassene Butter. Nelken. Muttis Metallbox zur Aufbewahrung. Mein Herz liegt seit dem Aufstehen wie eine Bowlingkugel in meinem Brustkorb. Schwer, hart und mit der Lust, Rippen zum splittern zu bringen. Ich gehe langsamer, damit ihm die Wucht dafür abhanden kommt.

Von rechts höre ich, durch Agnes Obels Cello gedämpft, Münzenklappern in einem Becher und die Frage:
„Enschulljen Sie, hamse was Kleingeld?“ Wieder Kleingeldgerappel. Ich halte an, ziehe meine Tasche von der Schulter und will nach dem Portemonnaie gucken.
„Enschulljung, hören Sie mich? Hallo? Können Sie mich hören?“ Ja, ja natürlich kann ich ihn hören. Ja, ich hab die Ohrstöpsel noch drin, ich weiß. Ich wollte doch erst schnell die Geldbörse greifen. Aber ja, er weiß ja nicht, dass die Musik nur leise läuft. Moment. Gleich. Erst die Börse. Wo ist sie denn hin gerutscht?
„Hallo? Hören Sie mich? Ich spreche nicht gern mit Menschen, die mich nicht hören können.“
In diesem Augenblick wird mir meine ganze Unhöflichkeit bewusst. Was für ein ignorantes Gebaren. Es wäre ein einziger, rascher Handgriff gewesen! Das blöde Portemonnaie läuft nicht weg aus meiner Tasche. Ich greife nach den Kabeln, befreie die Ohren, hebe den Kopf und sage, indem ich dem Mann unvermittelt in die Augen schaue:
„Bitte verzeihen Sie. Ich höre Sie.“
Sein Blick weicht nicht aus. Die Augen sind klein, blau, wässrig. Struppige, kurze, rotblonde Wimpern, zwischen denen am Lidrand kleine Krümel hängen. Die Pupillen winzig, lustig, konfrontationsbereit. Wir gucken uns einen Moment zu lang an. Wessen Augen jetzt als erstes ausweichen, der hat … wie klein sie wirklich sind, seine Augen. Tief zurückgezogen in die Höhlen und doch so wach. Startklar. Wie Zündknöpfe. Dass er die Lippen jetzt zu einem leichten Lächeln verzieht, erkenne ich an der Bewegung der Lider; dann sagt er:
„Sie sind der erste Mensch, der mir heute richtig direkt in die Augen guckt.“ Seine Stimme klingt nach Erdnuss und Gaunerglück.
Seltsam ertappt, spüre den Impuls meinen Kopf abzuwenden, doch der Augenkontakt bricht nicht ab. Wie oft gucke ich Menschen in die Augen, selbst wenn ich ihnen in die Auge gucke?

Der Mann ist etwas größer als ich. Ihm fehlt ein Frontzahn. Er wirkt wie ein Rechteck in blauem Filz. Die Nase ist lang, streng, makellos. Das Haar matt und dreckig grau. Mein Hände erinnern sich an das Kleingeld. Ich greife endlich nach dem Portemonnaie und fische einen Euro heraus.
„Wo hinein?“
Der Mann hält mir einen blinkenden Becher hin. Irritiert geh ich einen winzigen Schritt zurück.
„Da? Ah, ich dachte, das sei eine Art Lampe. Also, da hinein, ja?“
„Ja, da hinein. Sie können das Licht nicht kaputt machen.“
In diesem Moment geht unser beider kurzes Kichern in anhaltendes Gelächter über. Wir albern wie Clowns. Ich brauche zwei Anläufe, bevor der Euro im Becher versinkt. Nur allmählich ebbt das Zwerchfellzucken ab. Ich räuspere mich.
„Du liebe Güte. Sie sind übrigens der erste Mensch, der heute richtig mit mir gelacht hat!“
Noch einmal treffen sich die Augen direkt. Spontan gehen die Arme nach vorn und wir geben einander herzlich die Hand. Die seine so viel wärmer als meine. Rau und zäh.
„Da sehense Mal. Gut, dasse mich gehört haben.“
„Gut, dass ich sie gehört habe.“
„Schönen Tach noch.“
„Danke. Ihnen auch.“

Ich gehe ein paar Schritte, bevor ich die Welt wieder mit Frau Obel abwehre.
Die Bowlingkugel in meinem Brustkorb weg.

Bowlmoment

Vor den meisten Bowls habe ich Angst.

Sie sehen üppig aus, machen mich am Ende nicht satt und nirgends gibt es Brot dazu (das mich immerhin sättigen könnte). Ich stehe vor dem Bestelltresen und bin überrascht, dass ich – ja, wie nennt man so etwas überhaupt? – das Restaurant, den Imbiss, die Bowleria, den Fresh-Food-Place, den Nahrungsaufnahemmöglichkeitsraum oder wie auch immer, betreten habe.
Es gibt warme Bowls. Warm ist gut. Warm ist sehr gut. Es ist schon 15:44 Uhr, bis jetzt habe ich genau zwei große Caffe Latte im Leib. Für den Fußweg heim brauche ich dringend Energie. Und hier ist es, im Gegensatz zu den anderen Lokalitäten, an denen ich vorbei gekommen bin, angenehm ruhig. Genug Gäste, um sich wohlzufühlen. Genug Leere, um durchatmen zu können.
Warme Bowls also. Kalte gibts auch. Wraps. Salate. Menschen, die Salat essen, wenn es draußen 2°C hat, sind mir suspekt.
Der Mensch hinter dem Tresen ist blutjung, männlich und hat einen Knödeldutt auf dem Kopf, wie seine Kollegin, die in der Küchenzeile daneben steht.
„Hast du gewählt?“
„Ich möchte bitte die Oriental Bowl.“
„Falafel drauf?“
„Drauf? Also zusätzlich?“
„Ja.“
„Ja. Falafel ist immer gut.“
„Hey, du bist die erste heute, die darauf reagiert.“
In diesem Augenblick schiebt sich der Mann, der hinter mir stand, halbnebenvor mich und sagt entschuldigend: „Ich kann sonst die Tafel nicht lesen.“ Ich benicke das. Sein Haaransatz sieht aus wie der von Gabriele Krone-Schmalz, obwohl er gar nicht herzförmig, sondern ganz rund geschnitten ist. Das Haar wirkt wie aufgeklebtes, dunkelbraunes Kunstmoos. Käme jetzt eine Modelleisenbahn von seinem Hinterkopf gefahren, es wunderte mich nicht. Ich wende mich wieder dem Knödeldutt zu.
„Willst du auch Kartoffeln?“
„Kartoffeln sind doch drin.“
„Ja, allerdings die anderen.“
„Mach einfach. Mach, wie du denkst.“
„Wow, das hat hier noch nie jemand zu mir gesagt.“
„Ich hab halt Hunger.“
„Und ich dachte, es läge an meiner Wirkung.“
„Er versucht zu flirten, merken Sie?“, schaltet sich der Moosmann ein.
„Er ist locker 30 Jahre jünger. Er flirtet nicht. Er hat ein Verkaufswebinar mitgemacht. Hab ich recht?“, mein Blick wandert zwischen Kunstmoos und Knödeldutt.
„Eine Webiwas?“, fragt er.
„Webinar. Also bitte, das kennt deine Generation doch viel besser als meine.“
„Ich kenne nichts. Ich lebe analog.“
„Du lebst ana …aha. Bemerkenswert.“ Mein Staunen ist aufrichtig.
„Ich habe kein Internet, keinen Fernseher, keine E-Mail-Adresse. Ich pack dir noch Erdnüsse drauf.“
„Kann ich mit Karte zahlen?“
„Klar, ich arbeite hier ja in der schönen neuen Welt.“
„Jetzt fühle ich mich elend und überwacht. Warte, ich habs wohl auch bar…moment.“
„Siehste, schon bist du analoger. Weg mit dem Internet! Mich kann man ja auch nur analog kennenlernen.“
„Der flirtet sehr wohl! Was kostet die Bowl denn jetzt? Hamse mal gefragt?“, der Moosmann blickt kritisch zum Knödeldutt.
Ich krame nach Geld und zahle analog. Gute fünf Euro mehr.
„Hauptsache, ich werde satt.“
„Wenn wir Mary-Jane aufrufen, ist es deine Bowl. Ich bin übrigens 20.“
„Mary-Jane?“
„Ja, bei uns bekommt jeder einen eigenen Namen.“
Kichernd trete ich einen Schritt zur Seite und nehme mir Besteck und Serviette.
Der Moosmann ist dran: „Ich nehme die Meatball Bowl und eine Fritz Kola. Wenn ich einen Namen wählen darf, würde ich gerne als Hugo aufgerufen werden. “
„Das macht das System in der Kasse automatisch, das kann ich nicht beeinflussen.“
Der Knödeldutt tippt, das Papier surrt heraus, er blickt drauf.
„Etienne.“
„Etienne?“
„Etienne.“
„Ich höre nicht auf Etienne. Ich bin 44.“
„Kein Problem, ich ruf einfach Hugo, wenn Etienne fertig ist.“

Analog halt.

Danke, liebe Leseschar!

Drei wunderbare Lesungen liegen hinter mir, in Lübeck, Bonn und Köln. Danke an meine Gastgeber. Danke an mein Publikum! Es hat viel Freude gemacht, Euch live in meine Lebensmomente zu holen, mit Euch in die lyrischen Gefühlsminiaturen von „Wachsen lassen“ zu tauchen.


Ich freue mich auf mehr.
Die nächsten Lesungen gibt’s in Hamburg (Termin noch nicht fix), Fleestedt (03.01.19, geschlossener Kreis) und Braunschweig (26.01.19 in der KaufBar).

Bis dahin lesen wir uns hier! Auf Bald,
Bettina

Auf Regen

Ich schneide dich heraus.
Belasse dich in keinem Bild. Auf keinem Platz.
Ich lass nicht zu,
dass irgendwo ein Abdruck bleibt,
der mir ein Wir von gestern zeigt.
Ich schneide dich heraus.
Aus meiner Haut. Nichts näh ich. Tief
ist jeder Schnitt. Wo deine Hand
einmal Zeit für Berührung fand.
Ich schneide dich heraus aus mir.
Ein jedes Handtuch hat ein Loch.
Der Sessel steht zerstückt im Raum.
Ich kann durch meine Arme schaun.
Das Fleisch wächst wild. Dort wo du fehlst.
Dort schneid ich dich heraus.
Belasse dich in keinem Fleck. Ich lass kein Mal
und keinen Punkt,
der zeigt, dass du gewesen bist.
Was mir das Maß für Leben ist.
Ich schneid dich jetzt heraus.
Zerschneide meine Wirklichkeit. Zerschneide mich.
Nichts näh ich zu.

Dann warte ich.
Auf Regen.

(c)2018 strang

Zigarettenmoment

Die Bistrotische sind entlang der Fenster gereiht. Drinnen schafft ein weiches, gelbes Licht behagliche Atmosphäre. Draußen glühen die Heizstrahler unter der Markise, um die kühle Herbstabendluft zu mildern. Am ersten Bistrotisch sitzt ein Mann, kompakt gebaut und schwarz eingehüllt in Sakko, Schal und Stoffhosen. Sein Haar ist sehr grau und sehr kurz, die Nase rund gewölbt wie der Bauch. Vor ihm auf dem Tisch dampft ein Tee, eine Zigarette und ein Rotwein atmet sich aus. Der Mann ist angeregt ins Gespräch vertieft mit der Frau am Tisch daneben. Sie hat den gleichen Haarton wie er, ihre Locken kringeln sich wie ineinander verschlungene Blumenblüten über den Ohren und bedecken das Ende der breiten, schwarzen Brillenbügel. Jetzt erst fällt mir auf: Der Mann und die Frau, sie haben die gleiche Brille. Rund, schwarz, dickrandig. Die Art wie sie miteinander reden deutet darauf hin, dass sie sich kennen. Er zieht an seiner Zigarette. Ich möchte das auch.

Kurz überlege ich, ob ich schnorre. So wie früher, mit 18 auf dem Schulhof. Dabei rauche ich seit neun Jahren nicht mehr. Die Frau raucht die gleiche Marke wie der Mann. Die sind ein Paar, denke ich jetzt, und mein verlangsamtes Schritttempo wird noch langsamer. Nicht vorbei gehen. Bloß nicht! Es sieht so unglaublich gemütlich aus! Die Brillen, der Rotwein, die Gauloises, das Heizstrahlerlicht. Ich möchte eine Zigarette. Jetzt. Aber inzwischen bin ich schon an der Ampel. Möchte ich wirklich eine Zigarette? Oder möchte ich nur diese Gemütlichkeit unter dem Heizstrahlerlicht? Die ich, ich weiß es jetzt schon, gar nicht so gemütlich finden werde, wenn ich dort sitze. Denn die Kälte kriecht über die Knöchel unter den Hosenbeinsaum, während oben mein Scheitel verbrennt und die Mitte meines Körpers nicht recht weiß, in welchen Temperaturausgleichsmodus sie sich nun einregulieren soll. Ich drehe an der Ampel um und gehe zurück zu den Bistrotischen. Wähle den einen, der mehr an der Ecke ist. Von dort aus sehe ich gut. Zu den anderen Tischen und auf den Weg. Ich komme mir vor, als habe ich einen Heizstrahler geschnorrt. Bestelle einen Tee, einen Rotwein und keine Zigaretten. Nehme die dünne Fleece-Decke vom Nebenstuhl und will sie mir um die klammen Beine Wickeln. Der Scheitel brennt.

„Sylt! Strandpromenade Westerland! Sie haben einen Rosé getrunken und den Kellner gefragt, ob Sie irgendwo ihr Handy aufladen dürfen!“
Ich wickle nicht und blicke hoch, zum Auslöser des kurzen Schattens auf meinem Tee, der bereits im Begriff ist Platz zu nehmen. Am Bistrotisch neben mir. Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass das Schwarzbrillenpaar zu uns herüber blickt.
„Ja, ja, das stimmt. Im Sommer war das.“
„Ja, im Sommer war das. Sie haben den kleinen Tisch an der Ecke gewählt, von wo aus man auf das Meer UND den Weg schauen konnte.“
„Seien Sie mir nicht böse, aber ich erinnere mich in keiner Weise an Sie.“
„Ach, ich hätte Sie auch nicht unbedingt wieder erkannt. Ihr Schopf jedoch glüht noch roter unter dem Heizstrahler. Da guckt man zweimal. Und dann fiel es mir sofort ein.“
Der Mann, der keinen Schatten mehr auf meinen Tee wirft, ist vielleicht 55 oder 60 Jahre alt. Jugendlicher in der Gestik. Mit freundlichen Augen. Jeans. Langarmshirt mit kleinem V-Ausschnitt. Was oft seltsam wirkt. Bei ihm aber nicht. Seine Stimme erinnert mich an Han Solo. Ich mag sofort, dass er als erstes auf die Rosmarinzweige in der schmalen Vase guckt, sich vorbeugt, schnuppert und „Oh, völlig echt!“ sagt.
Mein Scheitel brennt. Ich wickle endlich die Decke um die Beine.
Das Schwarzbrillenpaar lacht laut und schön. Ich hätte eine Zigarette schnorren sollen. Stattdessen sitze ich eingeklemmt zwischen den frohen Grauhaarigen und dem Syltmann; merke, dass ich gar keine Lust auf Tee habe. Der Herbst macht mich traurig, plötzlich.
„Sie hatten ja auch nur Augen für das Meer. Ich saß auf der anderen Seite. Mit drei Freunden. Wir sehen alle gleich aus. Um uns wiederzuerkennen braucht man mehr als einen Heizstrahler.“ Sein Lachen wirkt. Ich lächle.

„Die Welt ist ein Dorf. Hamburg sowieso. Da sitzen Sie also hier. Heute Rotwein. Kein Rosé. Sind Sie aus Eimsbüttel?“
Die Kellnerin taucht auf, behütet mich vor einer Antwort, indem sie ihm die Karte reicht: „Möchten Sie essen?“
Er sieht auf die Karte, dann auf mich. „Möchte ich essen? Ich hab keinen Hunger, aber stets Appetit…möchten Sie essen?“ Er reicht mir die Karte.
„Nein. Wirklich nicht.“
„Nein, wir möchten nichts essen. Bringen Sie mir einfach ein Bier.“
Ein Bier also. Wir möchten nichts essen. Vielleicht hat er eine Zigarette. Er sieht nicht danach aus.
Ich weiß nicht wohin ich gucken soll.
„Wahrscheinlich wollten Sie nur hier sitzen, nicht wahr? Das war gar nicht meine Absicht zu stören. Ich störe nicht. Wirklich. Schon auf Sylt hatten Sie so etwas Unstörbares.“
Unstörbar. Ich horche auf. Das ist nun wirklich mein Wort, nicht seins. Das Schwarzbrillenpaar raucht. Ich kann auf den Weg und auf die Tische blicken.
Die Minuten vergehen.
Der Tee wird leer. Das Rotweinglas. Im Bier ist noch ein Rest.
„Gehen wir?“ fragt der Schwarzbrillenmann seine Frau.
Ich zahle. Niemand soll behaupten, ich hätte es nicht versucht.

ungehört

Der Weg entlang der schweren Stämme,
die jedes Licht in altem Schatten fangen,
den Sommer in die Knie zwangen,
ist weich und moosvoll unberührt.
Wohin mein blaues Herz mich führt
weiß nicht der Weg,
weiß nicht der Tag,
und was mir auf den Lippen lag
gerinnt seit Stunden ungesagt.
Ein Salzsorbet.
Ich reck die Ärmchen,
die längst Arme sind,
nach diesem Himmel
der du niemals bist.
Steh sittsam die Minuten klein,
wo nichts mehr zu erwarten ist.
Dann packe ich mein Funkeln ein.
Und geh.
Den Weg unter den gelben Kronen,
die keinen Laut nach oben leiten,
die nichts von ihrer Macht bestreiten.
Ich bin ein ausgedrehter Ton.

(c)2018 strang

heilsam

Das Laub lass ich im Zimmer.
Räum Sterne in den Schrank.
Ich leg ein Stück vom Himmel
auf meine Fensterbank.

Die Löcher in den Wolken
belass ich ungestopft.
Ich warte mit den Pfützen
bis frischer Regen tropft.

Der Herbst hat dich genommen.
Der Winter wirkt bemüht.
Die Pflaster abzureißen
ist sicherlich verfrüht.

(C) 2018 strang

Bodenmoment

Ich möchte zur Isestraße, dort soll heute Flohmarkt sein. Ich schlüpfe in meine Barfußschuhe, male mir den Mund purpurrot, wickle das weiche Lieblingstuch um den Hals und gehe los. In der Osterstraße wird mir bewusst, dass verkaufsoffener Sonntag ist. Reichlich Familien sind unterwegs und verteilen sich auf Gehwegen und in den Geschäften. Ich biege ab Richtung Weiher, ein wenig Grün einfangen auf meinem Stadtspaziergang. Der Herbst kommt farblos daher. Kein Sonnenstrahl verzaubert das Blattwerk zu Gold. Meine Kamera wird wenig Futter bekommen. Das Wasser am Weiher ist schwarz und grau und unausgeschlafen. Drei Gänse zelebrieren am Ufer eine Unschlüssigkeit, die mir allzu vertraut ist. Ich bleibe stehen und schaue mir die Spiegelungen auf der Wasseroberfläche an. Im Hintergrund keuchen joggende Menschen. Männer schieben schweigend Kinderwagen. Nah der Wasserlinie geh ich in die Knie, betaste mit den Fingerkuppen die nasse Erde. Überall liegen Eicheln, plattgedrückte Kastanien, verkrumpeltes Laub, Moos, kleine Äste. So viele unterschiedliche Brauntöne, Gelbnuancen. Sprenkel, feine Haarrisse im Blattgrün, Steinchen, Federn. Dass die Sonne nicht scheint, fällt mir nicht mehr auf. Auf dem Kiesweg liegen Unmengen vertrocknete Blätter. Unaufregend in der Masse. Einzeln betrachtet ein Farb- und Formenspiel von unglaublicher Schönheit. Ich bemerke, wie meine Augen mit einer gewissen Rastlosigkeit den Boden nach satten Ockertönen scannen. Mein Atem flutet flacher, im Brustkorb wirds eng. Ich richte mich auf. Ganz gerade.

Such nicht. Such nichts. Nicht suchen! Schau einfach.

Im gleichen Augenblick entdecke ich, was noch Sekunden vorher meinem fokussierten Blick entgangen war. Es ist schon fast verschwunden. Geisterhaft. Bald nur noch zertretener Staub. Das Blatt hat keine Farbe mehr. Kein Volumen. Alle Üppigkeit des Sommers verloren. Nicht einmal Herbst ist in ihm übrig.
Dass ich es noch sehen durfte, freut mich für das Blatt. Für mich. Und wegen des Fotos, in das ich mich verliebt habe, noch während ich es machte.

Moosmoment

45 Minuten Autofahrt. Mir war so dringend nach Wald, tiefem Wald. Natürlich sind die Wege sonntagsbelebt. Kinder springen neben Hunden, Trekkingradler zischen wie Neongeister durchs Gehölz,während Wandergruppen die Ruhe zerplappern, die sie auf ihrem Fußmarsch suchen.
Ich war noch nie hier. Vielleicht werde ich mich verlaufen. Ein ums andere Mal biege ich auf den nächst schmaleren Weg ab, schließlich gehe ich direkt quer ins Gehölz.
Es wird friedlich. Ich hab Barfußschuhe an und ertaste den Boden. Weiche Mooskissen. Feine Steinchen. Reisig überall und trockenes Laub. Die Luft ist noch spätsommerwarm, doch der Herbst ist nicht nur im Fluggeschnatter der Graugänse zugegen, die immer wieder in Formationen, die ich jenseits der Baumkronen nur ahnen kann, über mich hinweg ziehen.
Licht und Schatten bieten ihr unnachahmliches Spiel. Dort, wo die Sonne sich bis zum Boden durchblinzeln kann, setzt sie immer etwas beachtenswertes in Szene, so kommt es mir vor. Baumstümpfe, die wie leergespielte, kleine Waldbühnen nach dem Schlussapplaus wirken. Flirrendes Tümpelwasser auf dessen rostroten Flecken Insekten kleine Kreise auf die Wasseroberfläche surren. Pilzköpfchen mogeln sich ins warme Licht, alles ist silbrig vernetzt mit hauchzarten Spinnfäden. Wie Tätowierungen ruhen Blätterschatten auf den Baumrinden. An manchen perlt Baumharz in glitzernden Sternchen herab.Jetzt ist es wirklich still. Kein Vogel. Dort, wo sich der Wald an kleine, wiesige Felder schmiegt, sind manchmal Feldgrillen zu hören. Winzige, braune Frösche fliehen vor meinen Schritten. Ein großer hält inne und sieht mich kurz an. Dann hüpft er nach links davon. Ich nach rechts. Obwohl nichts blüht, ist alles voll Farben und Formen. Pechschwarze Nacktschnecken kriechen durch die Schluchten des Wurzelwerks umgekippter Bäume. Manchmal höre ich einen Bachlauf.
Es werden dreieinhalb Stunden vergehen.
Als ich die breiten Wege wieder erreiche, steht die Sonne schon tief. Ich schau noch einmal zurück auf die Moosteppiche, die das langsame Verrotten der Baumstümpfe mit ihrem grünen Alles-Ist-Gut überwachsen haben. Ein Wald ist ein Kosmos, keine Kulisse.

Aufräummoment

„Ich sehe dich. Und mich. Und keine Lösung.“

Das Wohnheimzimmer roch nach altgewohnten Möbeln und Arztseife. Von draußen schien etwas Licht aus den OP-Sälen des Krankenhauses gegenüber durch den schmalen Schlitz zwischen den zugezogenen Stoffvorhängen. Dunkelgrün, fensterbrettlang, faltenfrei. Im Heizkörper ein leises Wasserspiel, endlos der Kälte Klang gebend. Seine Augen verweilten in Leerstarre, die meinen geschlossen. Eigentlich abgeschmackt. Dieses Zimmer. Diese Umstände. Seine Worte sanken in mich wie frostiger Tau auf eine frisch gepflanzte Wiese.

„Kannst du mir sagen, was das wird? Der Mann ist 15 Jahre älter als du! Glaubst du, der gibt für dich alles auf? Glaubst du das?“ hatte meine Mutter geschrien. Sie, die nie schrie.
„Papa ist 28 Jahre älter als du!“
„Und was ist übrig? Was?“ Ihre Hand sauste knapp an mir vorbei durch die Luft, einen verzweifelten Bogen zeichnend in den Raum.

Ich lief hinaus zum Auto und fuhr zum Krankenhaus. Sah das Licht im Bereitschaftszimmer. Dass ich keine Schuhe anhatte, merkte ich erst beim Aussteigen. Er machte die Tür auf und trat keinen Schritt zur Seite. „Da bist du.“ begann er mit einer Stimme aus Wollfilz, und betrachtete meine nackten, rot gefrorenen Füße.

62 muss er jetzt sein. Ich trage dicke, rote Stricksocken, als ich den Briefumschlag öffne und mich seiner Schrift nähere. 23 Jahre alte Zeilen; Kuli auf recyceltem Notizpapier. Was ist und was nicht geht und nie sein wird. Wer ich bin und er und wir. Dass uns das niemand nehmen kann. Einmal unvernünftig sein.

Ich war nie wieder in Venedig. Am Strand von Vrouwenpolder. Oder barfuß im Schnee. Ich, die nie schrie.